Reportage

1.000 Kühe – 12.000 kg Milch

Marcos Epp ist gerade dabei, drei neue Ställe zu errichten für insgesamt 1.000 Kühe. "Dieses Wachstum gut zu managen, ist meine größte Herausforderung", sagt er.
Marcos Epp (47) spricht gut Deutsch. Nach dem Ersten Weltkrieg gelangte seine...

Anmelden um weiterzulesen

Hast Du noch kein Login für Elite oder Elite Impulse?

Marcos Epp ist gerade dabei, drei neue Ställe zu errichten für insgesamt 1.000 Kühe. „Dieses Wachstum gut zu managen, ist meine größte Herausforderung“, sagt er.

Marcos Epp (47) spricht gut Deutsch. Nach dem Ersten Weltkrieg gelangte seine Familie über Russland, China und Paraguay nach Brasilien, wo sie im südlichen Bundesstaat Santa Catarina auf fruchtbarem Land die deutsche Genossenschaft Witmarsum mitbegründete. In der mittlerweile knapp 100 Jahre alten Genossenschaft, die auch einen Landhandel unterhält, wird nach wie vor zuweilen noch deutsch gesprochen.

Betriebsleiter Marcos Epp Bild: Hofstee

Marcos Epp ist eigentlich Tierarzt, seit Jahren aber leitet er die Sparte Milchproduktion (900 Kühe) des familieneigenen landwirtschaftlichen Unternehmens Regia Farms. Sein 77-jähriger Vater kümmert sich trotz des hohen Alters immer noch um den Futter- und Marktfruchtbau.

Regia Farms beschäftigt insgesamt 38 Mitarbeiter. Diese verdienen im Durchschnitt rund 600 Euro im Monat. Die Farm gewährt ihren Angestellten noch Naturalien und kommt für die Sozialabgaben auf. Unter dem Strich kostet die Farm jeder Mitarbeiter somit rund 1.000 Euro pro Monat. „Damit liegen wir etwas über dem Durchschnitt, aber das tun wir ganz bewusst, denn ich möchte gerne meine guten Mitarbeiter behalten“, erklärt Epp.

Die Kuhherde verdoppelt

Noch vor zehn Jahren hat Epp rund 450 Kühe gemolken. Damals entschloss er sich, die Herde auf 700 Kühe aufzustocken, die Futterfläche sollte das hergeben. „Wir haben schnell festgestellt, dass unsere Flächen auch noch mehr Kühe ernähren können“, erinnert sich der großgewachsene, breitschultrige Milchfarmer. Dank der Optimierung der Fruchtfolge ist es gelungen, zweimal jährlich Grundfutter zu ernten. „Wir können Futter für 1.000 Kühe anbauen“, ist sich der Farmer sicher. Zudem sollte sich herausstellen, dass das Melken im damals neu errichteten 32er-Melkkarussell sehr zügig vonstattengeht. Aktuell wird dreimal täglich sechs Stunden gemolken.

Es gibt drei neue Kuhställe: Zwei sind bereits in Betrieb, der dritte befindet sich noch im Bau. Die drei Stallungen sind je 125 m lang, 32 m breit und mit je 320 Sandliegeboxen ausgestattet. Obwohl auch noch ein System zum Abscheiden von Sand aus der Gülle installiert wurde, belaufen sich die Gesamtinvestition umgerechnet nur auf ca. 1.500 Euro pro Liegeplatz.

Die drei Kuhställe haben jeweils 320 Liegeboxen. Eingestreut wird mit Sand. Bild: Hofstee

Ein 28 Jahre alter Kuhstall soll zudem noch kostengünstig für das Jungvieh umgebaut werden. Bislang werden die Rinder noch ganzjährig auf der Weide gehalten, doch das soll sich ändern. „Ich verspreche mir eine bessere Wachstumsrate, wenn die jungen Tiere zumindest zeitweise aufgestallt werden. Im Sommer haben wir hier tagsüber oft 34 Grad im Durchschnitt, das darf man nicht unterschätzen“, erklärt Epp.

Investitionen in 10 Jahren zurückverdienen

„Ich konnte meinen Vater überreden, sich an den Investitionen zur Hälfte zu beteiligen. Er hatte etwas Geld übrig, weil er in den letzten Jahren aufgrund seines Alters nicht mehr so ​​viel in den Ackerbau investiert hat“, berichtet Marcos Epp schmunzelnd. „Die übrigen 50 % des Investments habe ich finanziert. Dazu habe ich bei der Bank einen Kredit für 8,5% Zinsen mit einer Laufzeit von zehn Jahren aufgenommen. Das bedeutet, dass 50 % der Investition in zehn Jahren zurück verdient werden muss!“ Das sollte aber möglich sein, führt der Farmer weiter aus, da im jetzigen Stall weiter voll gemolken werde. Unterstellt hat Epp dabei, dass sich der Milchpreis auf dem jetzigen Niveau stabilisiert. Für 2019 erwartet der Farmer im Durchschnitt umgerechnet 37 Cent. Die aktuellen Produktionskosten inklusive der Abschreibungen beziffert er auf 31 Cent.

In den neuen Ställen hofft Epp die Ergebnisse der Milchproduktion noch etwas optimieren zu können. Kein leichtes Unterfangen, denn die Kuhherde melkt jetzt schon rund 12.000 kg pro Kuh und Jahr (3,8 % Fett- und 3,25 % Protein). Die hohe Milchleistung basiert auf einer intensiven ganzjährigen Stallfütterung. Die den Kühen vorgelegte TMR besteht aus 30 kg Silomais, 6 kg Maismehl, 5 kg Grassilage, 4 kg Sojamehl, 2 kg Biertreber sowie je 1,5 kg Baumwollsamen bzw. Sojaschalen. Ergänzt werden noch Mineralien. Die Mischration wird zweimal täglich gefüttert.

Genomics und EmbryoTransfer

Voranbringen soll die Herde zudem der Einsatz bester internationaler Genetik. Im Vordergrund stehen Gesundheitsmerkmale und Milchleistung. „Wir verwenden Bullen von Alta, Semex, ABS und Select Sires. Ich spüle auch jeden Monat sechs bis acht Färsen. Bei den Kälbern teste ich die besten 20 % auf Genomics, um zu bestimmen, welche der Tiere wir später für unseren eigenen Gebrauch ausspülen. Einige der Embryonen verkaufe ich aber auch.

In den neuen Ställen setzt Epp auf Sandeinstreu in den Liegeboxen. Die Laufflächen werden mehrmals täglich gespült. Die Gülle wird außerhalb der Stallgebäude in großen Becken aufgefangen. Dort soll sich der Sand absetzen. Der Sand wird dann später entnommen, „gewaschen“ und wiederverwendet.  Ein Abscheider separiert die Gülle, von der die dicke Fraktion direkt auf den Ackerflächen ausgebracht wird. Der dünnen Fraktion setzen Epp und seine Mitarbeiter 50 % Wasser zu und verwenden sie zum Spülen der Laufflächen im Stall. Nach dem Spülgang wird ein Teil des Gülle-Wasser-Gemisches in einem Tank aufgefangen und von dort zur Bewässerung auf die nahe gelegenen Felder gepumpt.

„Ein tolles System, wenn es funktioniert“, ist sich Marcos Epp sicher. Allerdings, so räumt er ein, funktioniert bislang nur das Spülen der Laufgänge im Stall reibungslos. Noch störungsanfällig ist das Pump- und Rohrleitungssystem im Freien. „Wir wurden schon durch so manche Staus ausgebremst.“

Für 25.000 €/ha Land zukaufen?

Alles in allem gibt sich der Milchfarmer zuversichtlich. „Brasilien hat sehr schwierige Zeiten hinter sich. Aktuell scheint die Wirtschaftslage jetzt aber stabil, es deute vieles daraufhin, dass es so auch noch eine Weile bleibe. „Zwar ist der neue Präsident ein seltsamer Typ (Anmerkung der Redaktion: Jair Bolsonaro wird aufgrund seiner politischen Einstellung und seines Auftretens auch gerne als Tropen-Trump bezeichnet), aber aus wirtschaftlicher Sicht scheint er viel besser für unser Land als die Vorgänger. Nicht zuletzt deshalb habe ich mich auch dazu entschlossen, die Investition zu tätigen.“

Als größte Herausforderung sieht Marcos Epp die Herdengröße an. „Ich muss viel öfter und früher darüber nachdenken und entscheiden, welches Futter ich wann und wo anbaue, wie ich dünge und wann ich welche Mengen Mais zukaufen muss. Auch wird die Frage zu beantworten sein, ob ich Land für 25.000 Euro pro Hektar und mehr zukaufen soll. Mit diesen Herausforderungen werde ich lernen müssen, umzugehen.“

Sjoerd Hofstee