Reportage

45 Liter melken

In den USA gibt es Milchkuhbetriebe, deren Herden eine Tagesleistung von mehr als 40 kg Milch pro Kuh erreichen. Wie kann das funktionieren?
Mehr als 45 kg Milch pro Kuh und Tag! Zahlen wie diese klingen märchenhaft und eigentlich zu schräg,...

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In den USA gibt es Milchkuhbetriebe, deren Herden eine Tagesleistung von mehr als 40 kg Milch pro Kuh erreichen. Wie kann das funktionieren?

Mehr als 45 kg Milch pro Kuh und Tag! Zahlen wie diese klingen märchenhaft und eigentlich zu schräg, um wahr zu sein. Und doch schaffen es einige Betriebe in den USA, ihren Kühen eine solche Milchleistung „abzuluchsen“. Aber können Kühe dabei auch gesund bleiben oder geht eine solche Milchleistung automatisch auf die Nutzungsdauer? Worauf achten die Herdenmanager, deren Kühe eine solche Leistung erzielen? Welche Rolle spielen die Mitarbeiter auf den Höfen? Elite hat sich in Wisconsin umgehört.

Hinweis: Einen weiteren Betrieb aus dieser Reihe haben wir bereits in Elite 2/2018 vorgestellt. Betriebsleiter und Visionär Lloyd Holterman war mit dem Thema „Antibiotikafrei Milch produzieren“ zudem Gast auf der Elite Herdenmanagement-Konferenz 2018.

Kühle Kühe und viel Konsequenz

Bei den Farmbesuchen fällt auf: Ein Wundermittel gibt es nicht. Vielmehr versuchen die Milchkuhhalter, das bekannte Wissen über Kühe möglichst konsequent umzusetzen. Dabei konzentrieren sie sich nicht auf einen Kernaspekt, sondern nehmen jeden Teilbereich der Milchproduktion immer wieder in den Blick.

Auf den besuchten Betrieben haben sich auch Vorgehensweisen und Hilfsmittel als erfolgreich bewiesen, die sich nicht 1:1 nach Deutschland übertragen lassen:

  • BST für mehr Persistenz: Der Einsatz des Wachstumshormons ist in Europa verboten und geht durch den Druck der Verbraucher aber auch in den USA immer mehr zurück.
  • Hochverdauliche Futtersorten: Brown-Midrib-Mais ist besonders gut verdaulich. Diese Eigenschaft geht aber nicht auf „normale“ Pflanzenzüchtung, sondern den Einsatz von Gentechnik zurück und ist in Europa darum nicht gestattet.
  • Italienisches Klima: Der Süden Wisconsins liegt auf demselben Breitengrad wie Norditalien. Der Anbau von besonders wiederkäuergerechten und schmackhaften Futtermitteln wie Luzerne oder der Einsatz von Obsttrestern oder Baumwollnebenprodukten ist darum einfach möglich.
  • Zwangsbelüftung in den Ställen: Anders als in Europa ist es in den USA umsetzbar, Kühe in einem geschlossenen Stallsystem ohne Zugang zum Außenklima zu halten. Was Verbraucher in Deutschland stark kritisieren würden, ermöglicht den Milchkuhhaltern in Wisconsin dagegen eine sehr kontrollierte und steuerbare Umgebung für die Kühe (Luftgeschwindigkeit, Temperatur).

Sich auf diesen Punkten („geht bei uns ja nicht“) auszuruhen, ist zu kurz gegriffen. Denn gerade in den folgenden Bereichen können viele deutsche Milchkuhbetriebe noch von den US-Amerikanern lernen:

  1. Für gute Belüftung sorgen: Egal, ob durch eine Quer- oder Tunnelbelüftung oder durch ausreichend viele Ventilatoren – Kühlung wird auf den amerikanischen Betrieben groß geschrieben, und das in allen Stallbereichen (vom Liegebereich bis hin zum Warteraum)!
  2. Überbelegung ernst nehmen: Auch auf den Top-Betrieben werden Gruppen überbelegt. Gemein ist den Betriebsleitern jedoch, sensiblen Gruppen (Trockensteher, Frischabkalber) konsequent mehr Platz zu verschaffen und diese unterzubelegen!
  3. Sorgfältig arbeiten: Ein sauberer und aufgeräumter Arbeitsplatz bietet die Grundlage für gute Leistung. Die Reinigung des Herdenmanagement-Büros ist z. B. bei Charlie Crave wöchentlich fest eingeplant und wird so auch in stressigen Phasen erledigt.
  4. Verdauliche Futtermittel einsetzen: Auch, wenn bestimmte Sorten in Europa nicht zugelassen sind (s.o.), steht die Verdaulichkeit von Futtermitteln viel zu wenig im Fokus. Hier lässt sich noch einiges optimieren!
  5. Trockensteher nicht vergessen: Auf allen besuchten Milchfarmen wurden Trockensteher nicht „abgeschoben“, sondern aktiv weiter betreut. Dazu gehören eine Haltung mit genügend Platz und viel Kuhkomfort, aber auch die Belegungsdichte und Maßnahmen wie regelmäßige Klauenbäder.
  6. Aufwand investieren: Natürlich ist Arbeitswirtschaft wichtig. Tendenziell sind die besuchten Betriebe aber eher bereit gewesen, Zeit in eine extra Maßnahme zu investieren, z. B. zweimal statt einmal pro Tag zu füttern.
  7. „Schwächen“ auslagern: Viele Betriebsleiter sagen: „Ich muss gar nicht alles selbst können“, konzentrieren sich auf ihre Lieblingsaufgaben und geben andere Bereiche in die Hände von Beratern oder Mitarbeitern. Viele lagern aufwendige Arbeiten wie die Jungviehaufzucht oder den Futterbau gleich ganz an Spezialisten aus, um sich auf einen Schwerpunkt, die Milchkühe, konzentrieren zu können.
  8. Abläufe standardisieren: Wer sich Gedanken um seine Arbeitsabläufe macht und versucht, sie aufzuschreiben und mittels eines Diagramms sichtbar zu machen, erleichtert die Kommunikation und findet überflüssige Schritte eher heraus.

Ebenfalls wichtig, aber möglicherweise in Europa schwerer durchzusetzen, sind … 

… äußerst konsequentes Furchtbarkeitsmanagement: Wer Kühen die Chance gibt, natürlich in Brunst zu kommen, benötigt fähige Mitarbeiter (gute Brunstbeobachtung) und viel Konsequenz (Kühe nach hinten raus „einfangen“). Standardisierter funktioniert es, wenn alle Kühe unabhängig von den individuellen Begebenheiten in ein Hormonprogramm überführt werden.

… Sandboxen als Königsweg in Sachen Kuhkomfort: Handling und Bezug des Sandes sind nur in wenigen Regionen in Deutschland so einfach wie in Wisconsin. Dennoch lassen sich auch Liegeboxen mit anderen Einstreumaterialien ähnlich komfortabel wie Sandboxen gestalten. 

Fazit: Konsequent anwenden, was man weiß, und dabei die Menschen mitnehmen, die mit den Kühen arbeiten, ist der wichtigste Schlüssel zu hohen Leistungen von gesunden Kühen!

Christine Stöcker
christine.stoecker@elite-magazin.de