Praxis

Anschieben 24/7

Der Einsatz einer Bildkamera am Futtertisch zeigt, an welchen Stellen Kühe vom ungehinderten Fressen abgehalten werden. Wir zeigen, wie man es schafft, dass Kühe 24 Stunden täglich und 7 Tage in der Woche Futter aufnehmen.

Hohe Milchleistungen und Stoffwechselgesundheit sind nur mit guten Futteraufnahmen zu realisieren. Zahlreiche Gründe halten Kühe davon ab, genug zu fressen. Sie reichen von hohen Belegdichten über Krankheiten (z.B. Lahmheiten) bis hin zu Schwächen im Futtertisch-Management. Tierarzt André Hüting schaut genau hin, wenn gefüttert wird. Dabei hilft ihm eine Bildkamera, die zur Schwachstellen-Analyse auf seinen Beratungsbetrieben rund um die Uhr installiert wird.

Der Futteraufnahme-Check

Die Beurteilung des Futtertischmanagements erfolgt grundsätzlich betriebsindividuell je nach Fütterungssystem (Voll-TMR oder Teil-TMR). Grundsätzlich sind folgende Kontroll-Punkte für beide Systeme sinnvoll:

  • Das Tier-Fressplatz-Verhältnis sollte 1 : 1 sein, d. h. jedes Tier braucht einen Fressplatz. Fehlen Fressplätze, leiden vor allem rangniedere Tiere. Fressplätze werden nur dann genutzt, wenn an der Stelle davor auf dem Futtertisch auch Futter liegt.
  • Die empfohlene Fressplatzbreite beträgt im Transitbereich mehr als 76cm, damit hochtragende und Frischmelker genug individuellen Platz haben. In den Laktationsgruppen werden Fressplatzbreiten von 65 cm toleriert. Je mehr Platz die Einzelkuh zum Fressen hat, desto geringer sind aggressive Interaktionen.
  • Der Futtertisch sollte 15 bis 20cm über dem Standniveau der Kühe liegen. Der Sockel für das Fressgitter ist aus dem Stall gemessen ca. 50 bis 52cm hoch. Das Fressgitter sollte 1,50 bis 1,60m hoch sein (siehe Grafik unten). Passen die Maße der Fressgitter nicht zu den Kühen im Stall, sieht man Beulen oder haarlose Stellen an Hals und Schulter der Kühe.
Die Standardmaße für den Futtertisch sieht man in der Grafik, diese sollten aber der Kuhgröße angepasst werden. Grafik: Rommel
  • Nackenrohre sorgen für freien Zugang zum Futtertisch. Sie bieten ranghöheren Kühen aber auch die Möglichkeit, sich quer zu stellen und damit Fressplätz zu blockieren. Nackenrohre sollten 58cm über dem Sockel und 1,20 bis 1,40m über dem Standplatz der Kuh angebracht werden. Hilfreich ist es, das Rohr mithilfe eines Abstandhalters 25cm nach vorne Richtung Futtertisch zu versetzen.
  • Die Fütterungszeiten sollten immer gleich sein, da Kühe einen geregelten Tagesablauf brauchen. Dadurch sind auch die Restfuttermengen besser zu kalkulieren. Das ermöglicht eine genauere Kontrolle der Futteraufnahme.
  • Bei der Futtervorlage ist es wichtig zu sehen, ob alle Tiere die gleiche Menge Futter vorgelegt bekommen. Der Futterschwad soll gleichmäßig hoch sein und keine Haufen oder Löcher zeigen. Bei Roboterbetrieben sollten 2/3 des Futters roboternah und 1/3 des Futters roboterfern abgelegt werden, denn Tiere fressen meistens, sobald sie den Roboter verlassen haben.
  • Die Anschiebefrequenz ist ein wichtiger Faktor. Wird mechanisch (Besen, Schaufel) angeschoben, ist nicht immer eine kontinuierliche Futtervorlage gewährleistet. Nachts wird dann sicherlich nicht rangeschoben. Bei automatisierter Anschiebetechnik ist die Frequenz so einzustellen, dass zu Beginn der Schieber alle 1,5 bis 2 Stunden (für 6 Stunden) und danach jede Stunde läuft. Wie eine Anschiebetechnik eingestellt ist und wie effektiv sie arbeitet, kann auch mithilfe der Bildkamera überprüft und kontrolliert werden.
  • Beim Fressverhalten ist es wichtig darauf zu achten, ob Kühe bestimmte Futtermittel (z. B. vorziehen) oder das Futter selektieren („Lochfraß“).

Bei den meisten Betrieben ohne Anschiebetechnik liegt zu wenig Futter am Tier – besonders zwischen 0.00 und 5.00 Uhr morgens. Besonders problematisch ist das für die Färsen, welche deutlich häufiger den Futtertisch aufsuchen müssen im Vergleich zu älteren Tieren. Das Problem kann man teilweise lösen, indem man die Fütterungszeit auf den Abend legt und somit deutlich mehr Futter vorliegt, welches aufgrund der Menge nicht so leicht weggeschoben werden kann. Tagsüber ist das häufigere Anschieben besser zu realisieren.

Nachteil – manuelle Anschiebetechnik 

In einem Roboterbetrieb mit 110 Kühen in Nordrhein-Westfalen stellte sich die Frage, ob die Kühe im Tagesablauf genug fressen. Im Video sieht man die Fütterung, das manuelle Ranschieben der Ration und das Lauf-/Futtersuchverhalten im Zeitraffer über 24 Stunden. Die Schwachstellen in diesem Betrieb zeigen sich spätestens auf den Bildern am Ende der Nacht. Sie hören den Tierarzt Andrè Hüting: 

Futteraufnahme laktierender Kühe im Blick (Praxisfall)

Die Reste sind wichtig

Im Mischprotokoll kann man erkennen, wie viele Tiere mit welcher Futtermenge täglich versorgt wurden. Entscheidend für die Bestimmung der Futtermenge ist die tatsächlich gefütterte Menge aus der kg-Angabe des Mischwagens. Vor der nächsten Fütterung wird das Gewicht der Restmengen auf dem Futtertisch mit einer Waage bestimmt. Zielwerte sind eine Restfuttermenge von fünf Prozent bei manueller Anschiebetechnik und zwei Prozent bei automatisierter Anschiebetechnik.
Mit den so erhobenen Daten kann der Landwirt die durchschnittliche Futteraufnahme je Kuh in der jeweiligen Gruppe berechnen. Jeder Betrieb sollte das Restfutterwiegen in der täglichen Routine haben und betriebliche Ziele für die Mengen festlegen, kommunizieren und kontrollieren.


Beispiel für ein Futtermischprotokoll mit Restfutterberechnung für rund 80 laktierende Kühe einer Gruppe.

Mit einer Exceltabelle lässt sich schnell und einfach die gefütterte und Restfuttermenge berechnen. Daten: Hüting

Kein Heu für Frischkalber

In diesem zweiten Praxisfall geht es um den Effekt der zusätzlichen Heufütterung bei frisch abgekalbten Kühen. In der Aufnahme zeigt sich, welchen Effekt die Vorlage von Heu hat und wie diese die Futteraufnahme der eigentlichen Hauptkomponente der TMR beeinflusst.

Futteraufnahme trockenstehender Kühe in Beobachtung (Praxisfall 2)

Eine der Hauptschwachstellen in der Bestandsbetreuung ist die Futteraufnahme. Tierarzt André Hüting zeigt mithilfe von Langzeitaufnahmen (24 Std.), wie das Fress- und Laufverhalten der Kühe in bestimmten Laktationsgruppen tatsächlich ist. Diese Analyse im Kuhstall kann dazu beitragen, die Futteraufnahmen und damit die Leistungsfähigkeit der Herde zu steigern. 

Dr. Marion Weerda
Jonas Bünker