Wirtschaft

Die Renaissance der Kolchosen

In den letzten Jahren wurde im Baltikum kräftig in die Milchproduktion investiert. Nicht immer ist die Rechnung aufgegangen.
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In den letzten Jahren wurde im Baltikum kräftig in die Milchproduktion investiert. Nicht immer ist die Rechnung aufgegangen.

Wer in den drei Ostsee-Anreiner-Staaten Estland, Lettland und Litauen den Spuren der Milch folgt, bei dem kann sich durchaus ein Déjà-vu-Erlebnis einstellen – in zweifacher Hinsicht: Denjenigen, die die Milchproduktion im Baltikum noch aus der Sowjetzeit kennen, werden die Strukturen bekannt vorkommen. Denn heute wird das Gros der Milch wieder in größeren Milchkuhanlagen erzeugt, so wie früher, als die drei baltischen Staaten noch Teil der Sowjetunion waren. Andere wiederum werden sich beim Anblick der modernen Kuhställe und der unendlichen Maisacker in den mittleren Westen der USA, nach Idaho, Minnesota oder Wisconsin versetzt fühlen.

Während nach dem Zusammenbruch der UDSSR im Rahmen von Landreformen und der Privatisierung ein Großteil der Milchproduktion zunächst in kleinere Familienbetriebe abwanderte, wird heute wieder ein
Großteil der Milch auf größeren Farmen mit 1.000 Milchkühen und mehr gemolken (weitere Infos hier)

Die bewährten Produktionssysteme aus den USA wurden im Baltikum vielerorts als Blaupause genutzt. So finden sich die meisten Milchkühe denn auch in den typischen 6-reihigen Boxenlaufställen wieder.

Das ist uns auf unserer Reise durch das Baltikum aufgefallen:

Sechs Milchfarmen haben wir im Oktober 2019 auf einer vom Innovationsteam Milch Hessen organisierten Reise durch die Baltischen Staaten besichtigen können. Bei drei Betrieben handelte es sich um „Wiedereinrichter“, die nach dem Ende der kommunistischen Ära die Kolchosen quasi übernommen haben; die übrigen drei Farmen wurden von einheimischen Investoren neu gegründet. Was ist uns ausgefallen?

  1. Einige Investoren haben viel Geld zum Aufbau der Milchkuhanlagen zur Verfügung gestellt, in diesen Unternehmen wurde richtig geklotzt. In den familiengeführten Farmen wurde deutlich weniger investiert, oftmals wurden die vorhandenen Gebäude verändert und um- bzw. weitergenutzt. 
  2. Ein moderner, mit der neuesten Technik ausgestatteter Betrieb mit mehreren Hundert oder gar Tausend Milchkühen und eine von internationalen Spezialisten konzipierte Stallanlage ist noch lange kein Garant für eine wirtschaftliche Milchproduktion. Sofern der Anlagenleiter (Herdenmanager) seine Aufgaben „lustlos“ angeht, die „leitende Hand“ fehlt, fehlt es auch an der Motivation des Teams. In solchen Fällen finden sich dann nicht selten deutliche Mängel in der Arbeitserledigung. In gut gemanagten Farmen werden hohe Herdenleistungen von 12.000 kg bei guter Tiergesundheit erreicht.
  3. Die Automatisierung der Melktechnik ist kein Thema – trotz Arbeitskräftemangel, da zu teuer. Das Thema Personalmanagement zog sich wie ein roter Faden durch alle Länder und Farmen.
  4. Das Lohnniveau ist vergleichsweise hoch: Ein Melker verdient ca. 1.400 € brutto (ca. 1.000 € netto, oft wird zusätzlich noch Wohnraum gestellt).
  5. Die Bullenkälber werden in die Niederlande verkauft, ein Kalb erlöst 35 €, eine Schlachtkuh etwa 500 €, eine tragende Färse 1.300 bis 1.500 €.
  6. Dort, wo Biogas staatlich gefördert wurde, hat man den Eindruck, dass viele Betriebe in den letzten Jahren ausschließlich von Biogas lebten.
  7. Auch im äußersten Osten der EU nimmt die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber der Nutztierhaltung ab und die Diskussion um den Umweltschutz zu. Vielerorts werden denn auch keine Genehmigungen mehr für neue Milchviehanlagen erteilt.
  8. Ein Hektar Land ist für rund 4.000 Euro zu erwerben, zu pachten für umgerechnet 120 Euro pro Jahr.
  9. Die größeren Milchfarmen können – im Vergleich zu Deutschland – den Liter Milch etwa zwei bis drei Cent günstiger produzieren. Allerdings benötigen auch sie einen Milchpreis von deutlich über 30 Cent zur Deckung der (Voll-)Kosten.

40 kg im Tagesdurchschnitt

Am Beispiel der Väätsa Agro AS Farm zeigt sich, was möglich ist, wenn Investoren mit guten Projektplanern und einem top Herdenmanagement zusammentreffen. 2011 wurde damit begonnen, die in der Nähe der estländischen Hauptstadt Talinn gelegene Milchkuhanlage auf dem Reißbrett zu entwerfen. Zwei Jahre später (2013) zogen die ersten Milchkühe in die beiden sechsreihigen Boxenlaufställe ein, das 80er Außenmelker-Karussell begann sich erstmals zu drehen. Elf Millionen Euro hat damals ein Konglomerat verschiedener Investoren, zu denen u. a. ein Ex-Minister, ein Bauunternehmer und ein Universitätsprofessor gehören, in die Hand genommen, um die bestehende Anlage zu errichten. Abgeschlossen ist das Projekt aber noch nicht, denn eigentlich sollen 3.000 Kühe an dem Standort gemolken werden. Dass die Grundsteinlegung zum Bau des dritten Kuhstalls noch nicht erfolgte, ist mit den geringen Milchpreisen der vergangenen Jahre zu erklären, mit denen das Unternehmen eigentlich nicht gerechnet hat. In 2015 und 2016 sank der Milchpreis bis auf 23 Cent ab, zu wenig um schwarze Zahlen schreiben zu können – obwohl die Milchproduktion richtig rund läuft: Die 2.350 Holsteinkühe melken im Tagesdurchschnitt 40 kg Milch pro Kuh mit nur 80.000 Zellen/ml (allerdings bei drei Melkzeiten täglich). Doch trotz der hohen Milchleistung wird der Break-even erst bei einem Milchpreis von mehr als 30 Cent pro Liter erreicht. Auf diesem Niveau hat er sich aktuell gerade eingependelt.

Wann der dritte Kuhstall errichtet wird, das ist derzeit noch nicht absehbar. Die Investoren hoffen noch auf Fördermittel. Derzeit lässt sich aber nur darüber spekulieren, ob und wenn ja, in welcher Höhe diese dann bewilligt werden. Es kann also durchaus noch Zeit verstreichen, bis der dritte Stall bezogen werden kann. Farmmanager Lenno Link würde lieber heute als morgen die Baubrigarde anrücken sehen, denn aufgrund des geplanten Bestandsaufbaus sind die beiden Kuhställe gerade etwas überbelegt. Um etwas Luft zu schaffen, hat er im letzten Jahr bereits 270 hochtragende Färsen verkauft. Eigentlich hat er geplant, verstärkt gesextes Sperma aus nordamerikanischer Genetik einzusetzen, um den Zuchtfortschritt zu beschleunigen, doch wenn die Bagger nicht bald anrollen, wohin dann mit den vielen weiblichen Nachkommen? Schon die Bullenkälber lassen sich derzeit nur noch in die Niederlande vermarkten, für nur noch 35 € pro Kalb. Weibliche Kälber bringen überhaupt kein Geld mehr in die Kasse.

Im Klammergriff der Banken

Dass sich eine Investition in die Milchproduktion nicht immer ohne Weiteres vergolden lässt, diese Erfahrung hat auch das Unternehmen Halinga OÜ gemacht. Sieben Millionen Euro hat das Unternehmen in 2012 und 2013 in eine neue Milchkuhanlage investiert, die Kuhherde auf 1.900 Tiere aufgestockt. 20 Stunden lang wird seitdem in dem 2 x 30 Parallel-Melkstand täglich gemolken (1.600 Kühe dreimal täglich). Kurz nachdem die Ställe bezogen wurden, führte das Russland-Embargo der EU bzw. die umgehende Gegenreaktion aus Moskau zu einem Absturz der Milchpreise. Damals erhielt die Farm nur noch 20 Cent für einen Liter Milch. Die Banken haben das aus einer ehemaligen Kolchose hervorgegangene Unternehmen am Leben gehalten, allerdings steht der Betriebsleiter seitdem unter verstärkter „Aufsicht“. Jede Entscheidung muss er mit seinen Finanzberatern besprechen.

 Einige „Wiedereinrichter“ haben ehemalige Kolchosen übernommen und upgedatet. Bild: Veauthier

Produktionskosten deutlich über 30 Cent

35 kg melken die Holsteinkühe im Tagesdurchschnitt, 55 Tonnen Milch liefert die Farm täglich an die Molkerei. Zu wenig, klagt der Betriebsleiter, denn eigentlich müsste der Umsatz steigen, um sich mittelfristig aus der Umklammerung der Banken wieder lösen zu können. Doch an eine Aufstockung ist derzeit nicht zu denken, denn zum einen geben die Kreditinstitute kein frisches Geld, zum zweiten regt sich auch in dem dünn besiedelten Staat zunehmend mehr Widerstand, wenn es um den Neubau eines großen Kuhstalls geht, eine Baugenehmigung zu erhalten ist denn auch schwierig.

Ähnlich stellt sich die Situation auf der Teres Milchfarm in Lettland dar. Auch diese Milchfarm wurde vor wenigen Jahren von einem Investor, einer Industriellen-Familie, auf der grünen Wiese nach US-amerikanischem Vorbild errichtet. Heute werden hier 60 Tonnen Milch täglich ermolken. „75 Tonnen sollten es aber bald sein“, erklärt der Famleiter, denn „die nächsten 15 Tonnen bringen den Profit.“ Allerdings sind die Stallplätze für die nächsten 1.200 Kühe schon vorhanden. Aktuell werden nur 2.400 Kühe gemolken. Die niedrigen Milchpreise der vergangenen Jahre haben auch hier das Milchwachstum etwas ausgebremst, Kostenoptimierung war angesagt. Das erklärte Ziel des Managers ist es, pro Kuh und Jahr 10.000 kg zu melken und gleichzeitig die Produktionskosten deutlich unter 30 Cent zu drücken.

Kaum noch Baugenehmigungen

Das Verhältnis der Bevölkerung zur Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Waren besonders in den ländlichen Regionen die Kolchosen wichtige Arbeitgeber, die oftmals auch das soziale Leben mitbestimmt haben, ist heute eine Entfremdung zu beobachten, ähnlich wie in Westeuropa. Viele Menschen sind mittlerweile zunehmend kritischer gegenüber größeren Milchfarmen eingestellt. Insbesondere der Verkehr (große Maschinen) und der damit verbundene Lärm sorgen immer wieder für Diskussionen. Das hat dazu geführt, dass eine Baugenehmigung zur Errichtung einer größeren Milchfarm auf der grünen Wiese nur noch in den seltesten Fällen erteilt wird. Deutlich einfacher ist es, bestehende Anlagen zu modernisieren.


Hier finden Sie eine Reportage über eine der top-Milchfarmen in Osteuropa: Mit 27 Cent geht‘s einfach nicht

Gregor Veauthier