Innovation

Die Vision: 100% Weidemilch

Die Brüder Paul (links) und Stephen Costello sind erfahrene Unternehmer. Sie stellen ihren, mit Holstein-Kühen in Stallhaltung übernommenen Betrieb auf Vollweide um, weil sie überzeugt sind, dass dieses System Zukunft hat.

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Die Brüder Paul (links) und Stephen Costello sind erfahrene Unternehmer. Sie stellen ihren, mit Holstein-Kühen in Stallhaltung übernommenen Betrieb auf Vollweide um, weil sie überzeugt sind, dass dieses System Zukunft hat.

Die irische Familie Costello arbeitet bereits seit 1991 in Deutschland, allerdings mit Schweinen. Als es sich im Jahr 2014 anbot, einen Milchkuhbetrieb in der Nähe eines ihrer Standorte in Brandenburg zu übernehmen, haben sie hier eine Chance gesehen. Paul Costello nahm sich den Kühen an, sein Bruder Stephen leitet vornehmlich die Schweinestandorte. Übernommen haben sie die Agrargenossenschaft mit 500 Holstein-Kühen in ganzjähriger Stallhaltung, rund 1.000 ha Ackerland und 500 ha Grünland. Den Milchkuh-Betrieb so wie bestehend mit ganzjähriger Stallhaltung weiter zu führen, war für Paul Costello dabei keine Option. 

Als Ire ist er zutiefst überzeugt, dass Kühe und Grünland zusammen gehören. Dabei ist die naheliegendste Art der Nutzung von Grünland für ihn, es beweiden zu lassen. Und die natürlichste Art der Futteraufnahme eines Wiederkäuers ist es, zu grasen. Als aufmerksamer Unternehmer hat Paul Costello zudem erkannt, dass heute viele Menschen daran interessiert sind, Milch zu verzehren, die von Kühen stammt, die Weidegang haben. „Jedoch finde ich die Weidemilch, wie sie in Deutschland definiert wird, nicht ganz zu Ende gedacht. Weidemilch ist für mich Milch, die auch zu 100 Prozent von Kühen stammt, die an jedem Tag in ihrer Laktation Weidegang haben,“ erklärt Paul. So wie es in Irland oder Neuseeland praktiziert wird und nicht nur in Form von mindestens sechs Stunden pro Tag an 120 Tagen.

Auf diesen drei Überzeugungen fußt die Vision der Costello-Brüder an ihrem Standort 100% Weidemilch zu produzieren. „Wir möchten ein Premiumprodukt erzeugen, das wir in die nahen Städte wie Berlin vermarkten können.“ Das nächste große Ziel von Paul Costello ist es daher, die Milch auch am eigenen Standort zu verarbeiten und abzufüllen. Bis dahin dauert es aber noch ein bisschen und ihre Weidemilch wird konventionell über einen Milchhändler vermarktet. Die Umstellung ihrer Produktion ist noch nicht ganz abgeschlossen. „Zu etwa 80 Prozent haben wir bis heute das verändert, was wir uns vorgenommen haben,“ so Paul Costello. Wenn alles planmäßig weiter läuft, wollen sie an ihrem Standort im nächsten Jahr zwei gleichgroße Crossbreed-Herden mit je 500 Kühen führen. Die noch bestehende Herde der reinrassigen Holstein-Kühe soll langsam auslaufen. 

Visionen zu verwirklichen erfordert Rückgrat

Den Brüdern ist anfangs viel Skepsis aufgrund ihrer Pläne entgegen gekommen. Vollweide nach dem irischen Prinzip im sandigen Brandenburg mit nur 550 mm durchschnittlicher Jahresniederschlagsmenge und Bodenpunkten zwischen 25 bis 30 Punkten? Das könne nicht funktionieren! Dabei kommen die sandigen Flächen mit ihren Eigenschaften der Idee der Costello-Brüder sogar entgegen: So ermöglichen diese „Sandpaddocks“ es schließlich, dass die Crossbreed-Kühe auch während ihrer Trockenstehzeit über die Wintermonate draußen gehalten werden und dort abkalben können. Man müsse die Flächen einfach nur sehr genau kennen, um ihre Vorteile zu nutzen und ihre Nachteile zu berücksichtigen. Beispielsweise werden die (an-)moorigen Flächen (ca. 60 % der Flächen) in niederschlagsarmen Zeiten stärker genutzt („Sommerflächen“), die sandigen dafür in nassen Phasen („Winterflächen“).

Dass sie ihre Crossbreed-Kühe über den Winter auf den sandigen Flächen halten können, haben sie mit den zuständigen Behörden abgeklärt. Zur Abkalbung stehen 17 Hektar Sandpaddocks zur Verfügung. Die Kommunikation mit Behörden, den Menschen der umliegenden Gemeinden und auch mit dem Naturschutz ist den Costello-Brüdern wichtig, die Verwirklichung ihrer Vision erfordert unbedingt Transparenz und Befürwortung. „In der Anfangszeit war es schwierig Leute zu finden, die bei uns arbeiten wollten. So waren es fast ausschließlich Iren“, erzählt Paul Costello. „Jetzt, wo die Menschen beobachten können, dass unser Konzept funktioniert, wird es einfacher, Mitarbeiter aus der Umgebung zu gewinnen. Es ist mir wichtig, dass sie hinter unser Idee stehen, nur dann sind sie motiviert.“ 

„Wir sehen, dass sich die Bodenqualität durch die Beweidung verbessert“

Paul Costello 

Heute, nach gut zwei Jahren, können sie beweisen, dass ihre Idee keine Schnapsidee war, sondern funktioniert. Die Zahlen sprechen für sich. So konnten sie im vergangenen Jahr 2018 trotz Dürre einen Trockenmasse-Ertrag von 10,5 Tonnen pro Hektar durch Weide nutzen bzw. für die Winterfütterung ernten. „Brandenburg ist trocken, das Gras kann aber trotzdem wachsen“, sagt Paul Costello dazu, „In Irland lag der Aufwuchs im vergangenen Jahr im Vergleich bei etwa 12,5 Tonnen Trockenmasse pro Hektar.“

Das Geheimnis ist ihr Aufwuchs- und Standort-angepasstes Rotationsweidesystem. Und etwas freut die Costello-Brüder besonders: Die Böden verbessern sich unter ihrem Produktionssystem spürbar. Das sehen sie vor allem auf den ganz sandigen Böden. „Die Nutzung als Grünland und der Tierbesatz fördern die Humusbildung und schützen das wenige Bodenwasser durch die dichten Grasnarben gut vor der Verdunstung“, erklärt Stephen Costello. Ihre Erkenntnisse wollen die Brüder gerne weitergeben: Sie möchten mehr Leute von ihrer Art der Landnutzung überzeugen. Im nächsten Jahr übernehmen sie weitere Ackerflächen, auf denen über Jahre Spargel angebaut wurde. „Diese Böden sind ausgelaugt. Wir freuen uns darauf, sie wieder fruchtbar zu machen,“ erklärt Stephen Costello.

Eine weiterer Plan von Paul Costello ist es, Hecken anzulegen, um die teils sehr großen Flächen zu unterteilen und die Effekte der Strauchreihen zu nutzen – insbesondere Schatten und Windschutz, denn beides stabilisiert und schützt die Bodenfeuchte. Ein weiterer erfreulicher Effekt ist für ihn ihr Nutzen für die Biodiversität und damit die gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirtschaft. 

Die Umstellung des Betriebes ist trotz der in den Augen so mancher Menschen als „öko“ anmutenden Produktionsweise keine Option. Die Flächen werden intensiv geführt, um entsprechende Aufwüchse erzielen zu können. Auch möchte man weiter die Gülle aus der Schweinehaltung der Costello Group zur Düngung einsetzen. 

Katrin Berkemeier