Reportage

Für die Bank arbeiten?

Jorrit Postma machte auf seiner Milchfarm eigentlich vieles richtig. Doch die Einführung der Phosphor-Kontingente bringt ihn nun in Existenznöte.

Schon als Kind wollte Jorrit Postma immer Bauer werden. Vor zehn Jahren ging der Traum schneller als erwartet in Erfüllung. Nach dem Unfalltod seines alleinstehenden Onkels war klar, dass er den Familienbetrieb in Longerhouw in nächster Generation weiterführen sollte. Er erhielt die 47 ha und die Gebäude zum Vorzugspreis von 500.000 Euro. Den Kopf voller Ideen und Pläne zog er im zarten Alter von 20 Jahren von der Stadt nach Friesland in den Nordosten Hollands, um die Milchfarm seiner Familie in die Zukunft zu führen. Bald lernte er dort seine heutige Frau Frederika kennen, alles schien bestens. Weil in der Region eigentlich nur Gras wächst, war klar, dass er bei der Milchproduktion bleiben würde. Sein Plan war vernünftig: «Ich startete mit 30 Kühen und wollte die Herde mit eigenen Tieren ausbauen», sagt er heute.

Doch er dachte nicht an die unberechenbaren Launen der Politik. Jorrit hätte nämlich auch gut mit einer kleinen Herde von 50 Tieren leben können. «Doch diese reicht in Holland nicht mehr zum Überleben.» Schon gar nicht nach der Aufhebung der EU-Milchkontingentierung im Jahr 2015, als sich viele holländische Milchbauern mit einer Produktionsausdehnung im deregulierten Markt besser positionieren wollten. Also spurte auch er in die Hochleistungsspur ein. Er nahm bei der Bank eine Million Euro auf für einen neuen Stall mit Platz für 200 Kühe, installierte zwei Melkroboter, erhöhte die Anzahl Kühe und stellte zwei Arbeitskräfte ein. Der Finanzplan schien realistisch und sollte nicht mit dem zu schnellen Ausbau der Herde überstrapaziert werden.  

Doch Vernunft ist nicht immer der beste Ratgeber, wie sich heute auf dem Hof zeigt. Hätte er nämlich am 2. Juli 2015 nicht erst 110 Kühe gehabt, müsste er heute nicht um die Zukunft des Betriebs bangen.

Drohfinger von Brüssel

Holland ist bekannt für seine aussergewöhnliche Produktivität in der Landwirtschaft. Gerne brüstet sich das Land als zweitgrösster Exporteur von Agrarprodukten weltweit, nur übertroffen von den USA, die aber 270 Mal grösser sind. Das Land mit der Fläche von der Schweiz ist also eigentlich zu klein für das «Exportwunder». In der Milchproduktion heisst das deshalb beispielsweise, dass die Bauern viel Gülle und Mist exportieren müssen, damit nicht zu viel Nitrat und Phosphat in der eigenen Umwelt landet. Trotz viel Technologie und immer effizienteren Anbaumethoden ist man von einem Gleichgewicht ziemlich weit entfernt. Da die Holländer die in der EU vereinbarte Obergrenze der Phosphor-Menge immer noch überschreiten, musste das Land die Mengen reduzieren, sonst drohte Brüssel mit Sanktionen. Seit Anfang des Jahres gilt deshalb in Holland ein System mit Phosphor-Kontingenten. Mit ihnen soll der Milchkuhbestand und damit der Phosphoreintrag runtergefahren werden. Für Jorrit könnten sie das Ende seines Traums bedeuten.

900.000 Euro für Phosphor-Kontingente

Mit der Phosphor-Kontingentierung hatte Jorrit nämlich nicht gerechnet, als er seine Businesspläne erstellte. Am 2. Juli 2015 konnte er auch noch nicht wissen, dass ihm mindestens 40 Kühe fehlten, um drei Jahre später nicht in einen tiefen finanziellen Strudel zu geraten. 5.000 kg Phosphor beträgt das ihm Anfang des Jahres zugeteilte Kontingent, es bezieht sich auf eben die 110 Holstein-Friesian-Kühe, die am vom Staat festgelegten Stichtag da waren. Im Stall stehen heute aber 150 Tiere. Er müsste deshalb für 40 Tiere zusätzliche Kontingente kaufen, um nicht eine empfindliche Strafe bezahlen zu müssen. Das macht dann beim aktuellen Preis von 220 Euro pro Kilogramm Phosphor-Kontingent noch einmal 400.000 Euro obendrauf.

Vor drei Jahren hat Jorrit Postma einen neuen Stall für 200 Kühe gebaut. Fotos: Eppenberger

Im Nachhinein hätte er besser schon vor drei Jahren noch mehr Geld aufgenommen und bereits bis zum Stichtag auf die geplanten 200 Tiere aufgestockt. Er hätte damit heute 900.000 Euro für Phosphor-Kontingente eingespart. Aber hätte, würde, könnte nützt nichts. Er muss sich nun entscheiden, wie es weitergehen soll. Soll er aufhören oder noch mehr Kredite aufnehmen?

Im Teufelskreis der Geldgeber

Verkauft er die 40 Kühe, ist der auf 200 Tiere ausgelegte Stall zu groß und die Produktionskosten pro Tier würden steigen. Zurzeit betragen diese 33 Cent pro kg Milch. Beim aktuellen Abnahmepreis von 35 Cent und einer Produktion von 1,4 Mio. kg Milch kann er zwar den Zins bezahlen. Der Milchpreis reicht aber schon jetzt nicht aus, um den Kredit wie von der Bank verlangt in fünf Jahren zurückzuzahlen. Dafür braucht er 2 Mio. Liter Milch von 200 Tieren im Stall. Doch in diesem Fall müsste er 900.000 Euro für Phosphor-Kontingente zusätzlich kaufen, ein weiterer Gang zur Bank wäre unerlässlich und der finanzielle Druck würde noch einmal ansteigen.

Mit der Bank hat er sich zwar mittlerweile auf eine längere Rückzahlungsfrist einigen können. Doch bei anhaltend tiefen Milchpreisen wäre die finanzielle Last trotzdem kaum zu stemmen. Selbst wenn sich die Situation am Milchmarkt verbessern würde, stellt der unternehmerisch denkende Jorrit ernüchtert fest: «Ich würde zehn Jahre nur für die Bank arbeiten». Und das obwohl er dieser eigentlich mustergültige Betriebszahlen vorweisen kann: «Ich produziere effizient und die Milchleistungen stimmen». Die Phosphor-Regulierung habe ihm aber einen Strich durch die Rechnung gemacht, sagt er resigniert.

Ausstieg als wahrscheinliche Option

Natürlich denkt er auch an den totalen Ausstieg. Eigentlich drängt sich dieser geradezu auf. Es gäbe genug Bauern, die das Land sofort kaufen würden, sagt er. Bei Hektarpreisen von 60.000 Euro könnte er alle Kredite problemlos zurückzahlen und er wäre fein raus. Schon heute arbeitet er als Berater und erzielt damit ein ausreichendes Einkommen. Doch: Sein Kindheitstraum wäre geplatzt. «Es fällt mir äußerst schwer, den Familienbetrieb aufzugeben», sagt er. Den Betrieb zu diversifizieren kann er sich nicht vorstellen, seine Passion ist die Milchproduktion. Er zuckt mit den Schultern: «Was würden Sie in meiner Situation machen?»

Hinweis: Jorrit Postma melkt seine Kühe immer noch. Im Herbst hat sich die Möglichkeit ergeben, Land zu pachten. Zudem kann er mit einem Nachbarbetrieb kooperieren und  Phosphatrechte gemeinsam nutzen, sodass Jorrit Postma 160 Kühe behalten kann. „Auch das kostet eine Menge Geld und ich habe nur etwas Zeit gewonnen“, so Jorrit, „Ich hoffe darauf, dass die Regierung in den nächsten Jahren ein paar Erleichterungen anbietet.“

David Eppenberger

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