Reportage

Immer eine steife Brise im Stall

Als Dave Jauquet vor 11 Jahren in seinen neuen Stall investiert hat, waren ihm vor allem zwei Dinge wichtig: Kuhkomfort und gute Luft. Die gute Atmosphäre danken die Kühe ihm mit einer Durchschnittsleistung von 47 kg.
Dave und Stacy Jauquet...

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Als Dave Jauquet vor 11 Jahren in seinen neuen Stall investiert hat, waren ihm vor allem zwei Dinge wichtig: Kuhkomfort und gute Luft. Die gute Atmosphäre danken die Kühe ihm mit einer Durchschnittsleistung von 47 kg.

Dave und Stacy Jauquet mögen es stürmisch: Beim Bau des neuen Kuhstalles vor 11 Jahren war ihnen vor allem wichtig, dass ordentlich Wind durch den Stall pustet. Darum baute die Familie einen der ersten querbelüfteten Ställe in Wisconsin. Dreiundvierzig Ventilatoren in der Wand der Nordseite beschleunigen die Luft über zehn Liegeboxenreihen, ein Thermostat erfasst die Stalltemperatur und steuert so die Geschwindigkeit der Ventilatoren.

Systematisch und sorgfältig arbeiten – und dafür sorgen, dass die Mitarbeiter mich verstehen“

Dave Jauquet, Jauquet’s Hillview Dairy
Dave Jauquet, Jauquet’s Hillview Dairy

Und tatsächlich: Obwohl es draußen mit gut 17 °C angenehm warm ist, zieht im Stall ein starker Luftzug an der Frisur und lässt trotz Langarm-Shirt und Weste frösteln. „Laufen alle Ventilatoren, erreichen wir eine Windgeschwindigkeit 4,9 m/s, rund 17 km/h“, berichtet Dave Jauquet. Ein weiterer, großer Vorteil: „Keine Fliegen und keine Vögel im Stall!“

Sandboxen ermöglichen den Kühen zudem eine kühle Unterlage, die sich hervorragend an die Bedürfnisse der Kühe anpasst. Der Komfort und eine intensive Fütterung tragen Früchte: Die Herde erreicht im Schnitt 47 kg Milch mit 3,5 % Fett und 3,05 % Eiweiß sowie einer Zellzahl von 118.000 Zellen.

Gesteuerte Atmosphäre für die Kühe

Der Vorteil eines querbelüfteten Stalls ist, dass sich das Klima im Stall sommers wie winters (im Winter laufen fünf bis sieben Ventilatoren) exakt steuern lässt. Doch ebenso wie die Wände bleiben die Tore bei einer Querbelüftung stets geschlossen; von der Stalldecke hängen Windleitbleche, welche die Luft zu den Kühen „zwingt“. Die Kühe kennen weder Sonne noch Regen und keine Jahreszeiten, beleuchtet werden sie von Strahlern an der Decke. 

Frischer Sand für die Liegeboxen wird vorgewaschen einmal pro Woche angeliefert. Das kostet Dave Jauquet knapp 70 Euro je Kuh und Jahr. „Um den Sand wieder aus der Gülle zu filtern, muss die Pumpe sie im Güllesystem schnell zirkulieren lassen, so lagert sich der Sand erst draußen im Becken ab“, beschreibt er. Beides, sowohl Zwangsbelüftung als auch Sandeinstreu, sind in Deutschland nicht ohne Weiteres möglich. Was Kuhkomfort und Kühlung ausmachen, kann man aber trotzdem daraus lernen. Zudem ist Dave Jauquet in einem anderen wichtigen Punkt sehr konsequent. Der Mann mit dem kurzgeschorenen Haar läuft mit festen Schritten einige Meter weiter.

Die wichtigen Gruppen unterbelegen

„Auch mein Stall ist überbelegt, gar keine Frage“, stellt Dave fest, als er auf dem Futtertisch anhält, „allerdings nicht bei Frischabkalbern und am liebsten auch nicht bei Trockenstehern.“ Die Kühe sind im Stall in sieben Gruppen eingeteilt:

  1. Frischabkalber (Kühe und Färsen), 90 % Belegung
  2. Special Needs/behandelte Kühe (Boxen von hier gehen auch an die Frischabkalber)
  3. Kühe > 2. Laktation, 147 % Belegung
  4. Färsen und kleinere, ältere Kühe, 144 % Belegung, 210 % am Fressgitter
  5. Tragende Kühe, 160 % Belegung, 215 % am Fressgitter
  6. Trockensteher, 100 % (bis 250 %) Belegung

Die Abkalbeboxen befinden sich direkt neben dem Herdenmanager-Büro. Die Kühe kalben Just-in-Time ab, sie werden also erst unter der Geburt aus der Trockensteher-Gruppe in die Abkalbeboxen umgestallt. Das braucht Personal: Elf Vollzeitkräfte kümmern sich in Zwölf-Stunden-Schichten um die Kühe. Jeder Schicht sind zwei Personen zugeteilt; eine Person melkt, eine treibt die Kühe und kümmert sich um die Abkalbung. Nach vier Tagen Arbeit haben die Mitarbeiter zwei Tage frei.

Wie häufig in den USA arbeiten auch auf Hillview Dairy in erster Linie Mexikaner. „Mir ist wichtig, dass die Leute die Protokolle systematisch und sehr sorgfältig abarbeiten. Damit das funktioniert, müssen sie die Anweisungen aber richtig verstanden haben und auch einmal Kommentare abgeben können. Deswegen ist bei den wöchentlichen Team-Meetings meist ein Spanisch-Übersetzer dabei“, erklärt Dave Jauquet. Drei bis vier Mal pro Woche geht Dave selbst durch die Frischabkalber, regelmäßig wertet er Kennzahlen zur Tiergesundheit aus, um auf Veränderungen rasch zu reagieren.

Nach der Geburt dürfen die Kühe ihre Kälber 10 bis 15 Minuten lang trockenlecken, dann werden sie gemolken und das Kolostrum getestet. Schlechte Qualität wird bei weiblichen Kälbern durch Biestmilchaustauscher ersetzt, bei männlichen Kälbern durch eingefrorenes Kolostrum. Die Kühe erhalten Oxytocin und einen Kalzium-Bolus (> 2. Laktation). Der Abkalbestall wird zweimal pro Woche gereinigt (Hochdruckreiniger) und frisch eingestreut.

Drei Kernpunkte für eine hohe Milchleistung

1. Stall (Luftqualität, Sand)
2. Gute Leute (wöchentliche Meetings, Übersetzung)
3. Fütterung (Inhaltsstoffe, Grundfutterqualität, …)

Frischabkalber sechsmal täglich melken

Seinen Melkstand hat Dave Jauquet gebraucht gekauft. Der Pulsator stammt aus Neuseeland, die Sammelstücke von Boumatic. Die 558 melkenden Kühe werden dreimal täglich gemolken (5.00 Uhr, 13.00 Uhr und 21.00 Uhr; 5,5 bis 6 Stunden pro Schicht).

Die Frischabkalber betreten den Melkstand in den ersten 20 Tagen sogar sechsmal pro Tag! Das funktioniert, indem die frischen Kühe als erstes und als zweitletztes gemolken werden; danach kommen nur noch die behandelten Kühe „In den frühen 2000ern hat die Uni Wisconsin einmal ein paar Versuche dazu gemacht. Die Kühe wiesen höhere Milchpeaks, mehr Persistenz und einen rascheren Abbau der Ödeme auf“, erklärt Dave Jauquet seine Beweggründe für das häufige Melken. Präzise tippt er mit einem Finger in seine Handfläche, während er aufzählt. Auf Hillview Dairy wird das Ganze seit 2007 erfolgreich durchgeführt, seit der neue Melkstand in Betrieb gegangen ist. Zur Melkroutine gehören Vordippen, Anrüsten, Anhängen sowie Nachdippen. Jedes Tuch wird pro Melkzeit zweimal gewaschen und im Trockner getrocknet. 

Auf dem Rückweg vom Melken durchqueren die Kühe an sechs Tagen pro Woche das Klauenbad. Auch die Trockensteher gehen dienstags, donnerstags und samstags diesen Weg. Ein Klauenschnitt erfolgt alle 220 Tage.

Der Melkstand ist gebraucht gekauft. 

Futter effizient einsetzen

Ein weiterer wichtiger Baustein für die hohe Leistung ist die Fütterung. Ein wenig kurios: Dave kennt keine seiner Rationen im Detail, er lässt diese komplett vom Fütterungsberater erstellen! Er selbst kümmert sich darum, dass die Futtergrundlage stimmt. Jauquet verfüttert vor allem BrownMidrib-Maisshredlage mit sehr hoher NDF-Verdaulichkeit. Weil bei BM-Sorten die Standfestigkeit leidet, setzt er auf gentechnisch veränderte Sorten.

Sechs Monate lang ergänzt Luzerne mit einem niedrigen Lignin-Gehalt die Ration. „In Gras sind nicht genug Inhaltsstoffe“, erklärt Dave Jauquet seine Entscheidung für Luzerne. Der Betrieb liegt vom Längengrad her rund 700 km weiter südlich als Frankfurt – in Europa würde das der Poebene und damit sehr guten Anbaubedingungen für Luzerne entsprechen. Zudem sei Gras schwieriger zu verdichten, weshalb er von Mischungen zwischen Gras und Luzerne absehe.

Siliermittel haben am Siliererfolg einen großen Anteil, meint er. Ziel ist, die Silierverluste von 10 bis 12 % zu verringern. Der Betrieb bewirtschaftet 182 ha und kauft viel Futter zu: „Kaufen ist günstiger als selbst anzubauen.“

Dave Jauquet lagert BrownMidrib-Mais als Shredlage gehäckselt ein. 

Gefüttert wird einmal pro Tag. Der Grobfutteranteil besteht aus 70 % Shredlage und 30 % Luzerne-Silage, dazu kommen Konzentrate (Körnermais, Feuchtmais), zum Teil Spezialfuttermittel wie Fett, Blutmehl oder Methionin. Trockensteher erhalten zusätzlich Weizenstroh. Alle 45 Minuten (30 Mal pro Tag!) wird das Futter mit einem Radlader nachgeschoben. Im Schnitt schaffen die Kühe so eine Futteraufnahme von 25,8 kg. Gemeinsam mit der hohen Milchleistung ergibt das eine Futtereffizienz von 1:1,88!

Fazit

Dave Jauquet durchdenkt jeden Bereich seines Herdenmanagements genau: Er setzt sich Ziele, strukturiert Arbeitsabläufe, holt sich fähige Berater zur Unterstützung heran. So viel Sorgfalt macht sich bezahlt!

Hormone & Co: Umdenken setzt ein

Seit Dezember 2017 nehmen viele US-amerikanische Molkereien durch den Druck der Verbraucher keine Milch von Kühen mehr an, die mit dem Wachstumshormon BST behandelt wurden. Für Dave Jauquet war das kein großes Problem, weil er BST nur bei 25 bis 30 % seiner Kühe einsetzte (Spül- oder Abgangskühe, um die Laktation zu verlängern). Der Verzicht auf BST hat die Abgangsrate nun leicht ansteigen lassen.

Dave Jauquet setzt bisher im Fruchtbarkeitsmanagement auf ein PreSynch-OvSynch-Hormonprogramm, ohne die Besamung von spontanen Brunsten. Er beginnt mit 78 bis 84 Tagen und kann einen Erstbesamungserfolg von 62 % und eine Konzeptionsrate von 55 % vorweisen. Die Pregnancy Rate des Betriebs (Anteil der zur Verfügung stehenden Kühe, die in einem Zeitraum von 21 Tagen tragend geworden sind, sehr gute Leistung > 22 %) beträgt 41 %! Für die Folgebesamungen setzt der Betrieb jedoch wieder auf Brunstbeobachtung. „Im nächsten Schritt werden wir wohl Prostaglandin los, da muss ich mir jetzt eine Alternative überlegen.“ Deswegen testet der innovative Farmer nun Pedometer.

Weitere Infos, vor allem zur Kälberaufzucht, gibt es in der Bildergalerie:

Christine Stöcker
cs@elite-magazin.de