Wirtschaft

In Europa ist GVO-frei kaum ein Thema

Die GVO-freie Milchproduktion scheint bislang ein rein deutsches Thema zu sein. In den übrigen EU-Staaten spielt das Thema (noch) keine (größere) Rolle.

Wahrscheinlich auch deshalb nicht, da die Verbraucher in diesen Ländern derartig erzeugte Milchprodukte nicht oder nur in geringem Umfang nachfragen. Nur in wenigen europäischen Ländern dürfen Milchprodukte zudem als „GVO-frei“ gelabelt werden. Neben Deutschland ist dies nur in fünf weiteren Ländern erlaubt, u. a. in Österreich und Frankreich. In den Niederlanden, in Belgien und in der Schweiz ist eine solche Kennzeichnung sogar untersagt.

Vorreiter Österreich

In Österreich stammt jeder Liter Milch, der den Molkereien angedient wird, aus GVO-freier Fütterung der Milchkühe. Damit nimmt Österreich weltweit eine Vorreiterrolle ein.

Schweiz importiert nur nachhaltig zertifiziertes und GVO-freies Soja

Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen bleibt in der Schweiz verboten. Der Ständerat hat das seit 2005 bestehende Gentech-Moratorium bis 2021 verlängert. Nutztiere in der Schweizer Landwirtschaft bekommen ausschließlich Gras und Heu von der Weide zu fressen – und Futtermittel aus gv-freiem Getreide, erklärt die Branchenorganisation Milch. In die Schweiz würden heute gar keine Gentech-Futtermittel importiert. „Deshalb können wir mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, dass keine gentechnisch veränderten Futtermittel eingesetzt werden“, erklärte kürzlich Stefan Kohler, Direktor der Branchenorganisation Milch, im Interview mit dem SFR. Die Schweiz ist das einzige Land der Welt, dass ausschließlich nachhaltig zertifiziertes und GVO-freies Soja importiert.

Die beiden größten Retailer, Migros and Coop, haben alle GVO-Lebensmittel aus ihren Eigenmarken.

Frankreich: GVO-freie Milch steckt noch in den Kinderschuhen

Frankreich ist nach Deutschland der zweitgrößte Milcherzeuger in der EU. Auch dort erlauben die Rechtsvorschriften ebenso wie in Deutschland eine freiwillige Kennzeichnung der Produkte von Tieren, die ohne gentechnisch veränderte Organismen gefüttert wurden. Noch ist dieser Markt wenig entwickelt, wie eine Analyse des Portals infOGM.org zeigt. Nur wenige, zumeist lokal tätige Molkereien, engagieren sich bisher. Von den französischen Verbrauchern würden andere Qualitäten wie Weidehaltung, Tierschutz oder eine faire Vergütung für den Erzeuger bevorzugt. Doch die steigende Nachfrage nach gentechnikfreien Molkereiprodukten in Deutschland und anderen EU-Staaten treibt auch dort die Entwicklung voran.

Anders als in Deutschland fehlt in Frankreich bislang jedoch eine koordinierende Stelle, die Unternehmen berät und sich um einen einheitlichen Kontrollstandard bemüht. InfOGM berichtet jedoch, dass sich im Herbst 2018 die wichtigsten Akteure des französischen Milchsektors zu einem Runden Tisch getroffen haben, um Konzepte für gentechnikfreie Molkereiprodukte zu entwickeln. Als größtes Hindernis wurde dabei die geringe globale Verfügbarkeit von gentechnikfreiem pflanzlichem Eiweiß aus Soja und Raps bezeichnet. Zudem würden ja bereits andere Qualitätszeichen wie das Bio-Label und einige geographische Herkunftszeichen eine gentechnikfreie Erzeugung garantieren.

InfOGM geht davon aus, dass sich auf nationaler Ebene bei den Produktionsmengen und den Verbrauchergewohnheiten wenig ändern werde, solange nicht große Verarbeiter wie Danone oder Lactalis mit ehrlichem Engagement in den Markt einsteigen.

Ein Pioneer in der Produktion GVO-freier Milchprodukte in Frankreich ist der deutsche Käsespezialist Hochland. In ihren französischen Molkereien haben die Allgäuer inzwischen 500 französische Milcherzeuger auf GVO-freie Produktion umgestellt (das gilt auch für Polen, wo Hochland ebenfalls aktiv ist).

Ebenfalls eine größere Menge GVO-freie Milch hat die Bel-Gruppe kürzlich gebündelt. Bel ist mit ihren Käsespezialitäten auch auf dem deutschen Markt vertreten ist. Das Molkereiunternehmen hat mit 800 Milchbetrieben, die rund 400 Millionen Liter im Jahr liefern, eine Vereinbarung abgeschlossen. Die Lieferanten verpflichten sich zu Weidehaltung und zertifizierter gentechnikfreier Fütterung. Sie erhalten dafür einen Aufschlag von 2,1 Cent je Liter. Bel hat den Liefervertrag für 2019 verlängert. Gleichzeitig stieg die Supermarktkette Intermarché in diese Vereinbarung ein. Sie will künftig höhere Preise für die Bel-Produkte zahlen.

Neben Intermarché haben auch die großen Supermarktketten Carrefour, Cora, Auchan and Monoprix mittlerweile GVO-freie Lebensmittel in das Angebot aufgenommen.

Niederlande: Nur Beemster komplett ohne Gentechnik

In den Niederlanden erfassen einige Molkereien zwar Milch, die gemäß dem deutschen VLOG-Standard erzeugt wurde. Allerdings werden hiervon zumeist Milchprodukte für den Export nach Deutschland hergestellt. Als einzige niederländische Molkerei verlangt Cono Kaasmakers, Hersteller der Käsemarke Beemster aus Nordholland, von seinen Milchlieferanten den kompletten Verzicht auf gentechnisch veränderte Futtermittel.

FrieslandCampina, das marktbeherrschende Molkereiunternehmen in den Niederlanden, hat seine Milchviehhalter in der Nähe der Käsereien von Born und Workum darum gebeten, künftig Milch gemäß dem deutschen VLOG-Standard zu produzieren. Damit will das Molkereiunternehmen die Nachfrage des deutschen Marktes nach holländischem Käse decken, in dem Milch von Kühen verarbeitet wird, die ohne Gentechnik gefüttert werden und im Freien weiden (für die Marke Landliebe fordert FrieslandCampina in Deutschland schon seit 2008 GVO-freie Milch). Das Molkereiunternehmen strebt nach eigenen Aussagen einen ganzheitlichen Ansatz in puncto Nachhaltigkeit an (Foqus-Planet 3.0 ). „Als eines der Top-Five-Unternehmen der globalen Milchbranche übernimmt FrieslandCampina Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt. Wir setzen uns für gesunde Ernährung für Menschen auf der ganzen Welt ein, engagieren uns für den Schutz und das Wohlbefinden unserer Tiere und setzen auf nachhaltiges und ressourcenschonendes Wachstum“, ist auf der Unternehmens-Homepage nachzulesen.

Italien: Treiber ist der Lebensmittelhandel

In Italien setzt der größte Lebensmittelhändler, Coop Italia, auf GVO-frei erzeugte Produkte. Coop hat sowohl bei Fleisch wie auch bei Milch GVO-freie Produkte im Programm. In den meisten Regionen ist der Anbau gv-Futterpflanzen verboten. Allerdings wurde vor einigen Jahren in der Toscana, in der Region ist gv-Saatgut sichergestellt.

Irland importiert viel gv-Soja

Einige Stimmen in der irischen Milchindustrie warnen davor, den Trend der GVO-freien Milchproduktion zu verschlafen. Man müsse sich auf die Lieferung von Erzeugnissen ohne gentechnisch veränderte Futtermittelkonzentrieren, um die Präsenz in den Schlüsselmärkten wie Deutschland zu festigen. Allerdings scheinen die meisten irischen Molkereien noch unentschlossen. So verwies kürzlich Jim Bergin, Chef des Molkereiunternehmens Glanbia, darauf, dass nur einige irische Verbrauchermärkte eine Prämie für GVO-freie Butter, Käse und Milch zahlen würden. Offiziell will sich das Unternehmen auf Nachfrage von Elite denn auch nicht äußern.

Problematisch aus irischer Sicht ist, dass trotz der ganzjährigen Weidehaltung und dem damit verbundenen positiven Image der grünen Insel (so wirbt Kerrygold mit dem Slogan: „Unsere Haltung: Weidehaltung“) jährlich rund 1,7 Millionen Tonnen gentechnisch verändertes Soja und Mais eingeführt werden, was mehr als die Hälfte Futtermittelimporte ausmacht. So richtig will diese Strategie nicht zum selbst ernannten nachhaltigen Marken-Image der grünen Insel passen… das wissen auch die Verantwortlichen in der Milchbranche. „In Europa gibt es den VLOG-Standard, und das ist ein sehr, sehr herausfordernder Standard“, erklärte unlängst ein Sprecher der Marketing-Organisation der irischen Milchwirtschaft, Ornua. Und sollten die Iren umstellen? „Das ist ein großer Schritt, aber im Moment scheint es, als müssten wir diesen Schritt machen, so einfach ist das“, hieß es weiter. Ornua ist mit der beliebten Buttermarke Kerrygold auch in Deutschland stark vertreten und habe mittlerweile eine Reihe von Lieferanten angeworben, deren Kühe kein gentechnisch verändertes Futter erhalten.

Gregor Veauthier