Reportage

Milch im Fluss

Nach Jahren der Planwirtschaft ist die tschechische Milchproduktion in der freien Marktwirtschaft angekommen. Ein nicht unerheblicher Teil der produzierten Milch landet in Deutschland.

Mit knapp 10,5 Millionen Einwohnern ist Tschechien auf Platz 11 der einwohnerstärksten Länder Europas. Tschechien verfügt über etwa vier Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, ein Viertel davon ist Grünland.

Etwa 370.000 Milchkühe produzieren die tschechische Milch. Damit ist der Bestand etwa ein Zehntel vom Bestand an Milchkühen in Deutschland. Die Milchleistung im Nachbarland kann sich sehen lassen. Die Milchleistung bei den Schwarzbunten liegt bei ca. 10.000 kg, bei den Fleckvieh-Kühen bei etwa  7.600 kg pro Kuh und Jahr. „Die tschechischen Milchproduzenten haben den Systemwechsel von der früheren Planwirtschaft in die freie Marktwirtschaft hervorragend gemeistert“, erklärt Sybille Möcklinghoff-Wicke, Leiterin des Innovationsteams Milch Hessen und Organisatorin der Rundreise, die wir für Sie durch unser Nachbarland gemacht haben.

Die Milchproduktion in Tschechien konzentriert sich auf die milchkuhstarken Regionen Pilsen, Südböhmen, Region Hochland und die Pardubitzer Region.

Große Betriebe mit vielen Teilhabern

Familienbetriebe mit kleinen Strukturen gibt es kaum in Tschechien. Fast drei Viertel der tschechischen Betriebe halten mehr als 200 Kühe, Betriebe mit weniger als 50 Kühen gibt es kaum. Das liegt vor allem daran, dass nach dem Niedergang der sozialistischen Planwirtschaft die Enkel der ursprünglichen Landbesitzer das Land nicht mehr bewirtschaften. Stattdessen lebt ein Großteil der jüngeren Tschechen in den großen Städten, weil sie sich dort bessere Lebensbedingungen erhoffen. Das Land ihrer Großeltern haben sie an Großbetriebe verkauft oder sind als Aktiengesellschafter mit ihren Flächen in eine Aktiengesellschaft eingestiegen, erklärt Jaroslav Michael, Prokurist der Proagro Aktiengesellschaft in Radešínská, etwa zwei Stunden südöstlich von Prag.

Die Anteile können nur vererbt werden. Möchte ein Aktionär seine Anteile verkaufen, müssen die anderen erst zustimmen.  Also ist die häufigste Betriebsform der etwa 1.700 milchproduzierenden Betriebe die Aktiengesellschaft. Gesellschaften mit 450 Mitgliedern sind nicht selten, auch Aktiengesellschaften mit 800 Aktionären gibt es im Land. Häufig ist ein Großteil der Aktionäre auch als Angestellter auf dem Betrieb tätig.

Milch raus, Milch rein

Von den ursprünglich 116 Molkereien im Jahr 1989 sind nur 35 geblieben. Diese sind allesamt in privater Hand. Die zehn größten Molkereien verarbeiten knapp zwei Drittel der produzierten Milch. Die größte Molkerei ist in tschechischer Hand geblieben. Das Unternehmen Madeta verarbeitet 14,2 % der tschechischen Milch. Ein weiterer großer Player ist das deutsche Unternehmen Müller, diese Molkerei verarbeitet knapp 10 % der Milch an einem eigenen Standort in der Nähe der Hauptstadt Prag.

Gut 20 % der Milch wird exportiert, davon rund ein Drittel nach Deutschland. Dabei exportieren die Tschechen überwiegend Rohmilch und fast keine verarbeiteten Milchprodukte. Häufig transportieren Milchtanker die Milch über die Grenze nach Sachsen oder Bayern zur Verarbeitung . Auf der anderen Seite fließt viel Milch in Form von verarbeiteten Milchprodukten zurück ins Land. Fast die Hälfte der importierten Milchprodukte stammt dabei aus Deutschland (44 %). Dass der Import von ausländischen Produkten so einen großen Anteil am tschechischen Milchmarkt hat, mag bei den guten Leistungen und der Anzahl an Molkereien im Land verwundern. 

Fazit: Technik gut, Marketing noch ausbaufähig

Zwar ist Tschechien in der Lage, mit den guten technischen Ausstattungen auf den Betrieben alle EU-Vorschriften für die Milchproduktion zu erfüllen. Doch dies sei zulasten von Kommunikation und Marketing für die eigenen Produkte im Land gegangen. So erklärt es zumindest der böhmisch-mährische Milchwirtschaftsverband. Sprich: Die Milch ist in ausreichenden Mengen und Qualität vorhanden,  aber an der Verarbeitung und Vermarktung im eigenen Land hakt es. Das wird und kann sich kaum ändern, so lange es auf dem tschechischen Markt billigere Milchprodukte aus anderen Ländern wie z. B. Deutschland zu kaufen gibt.

Sophie Oehler