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Naturschutz als Wettbewerbsvorteil

Eine Kooperation mit ihrem Wasserversorger bringt der Familie Strack einen großen Vorteil in Sachen Futterbau und der Region sauberes Trinkwasser.
Tobias Strack steigt vom Trecker und tritt einige Schritte in die Wiese hinein. Prüfend...

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Eine Kooperation mit ihrem Wasserversorger bringt der Familie Strack einen großen Vorteil in Sachen Futterbau und der Region sauberes Trinkwasser.

Tobias Strack steigt vom Trecker und tritt einige Schritte in die Wiese hinein. Prüfend lässt er die Halme durch die Finger gleiten. Er nickt zufrieden, der Aufwuchs sieht gut aus. Die letzte Güllegabe hat der Grasnarbe gut getan. 

Trinkwasser für 1,5 Millionen Menschen

Der junge Landwirt bewirtschaftet gemeinsam mit seiner Schwester Anna Ebbinghaus und seinem Vater Dietmar Strack einen Milchkuhbetrieb mit 185 Milchkühen im Oberbergischen Kreis (NRW). Die hügelige Gegend ist vorwiegend eine Grünlandregion und ein Zentrum der Milchkuhhaltung. Doch neben Milch wird in der Gegend noch etwas anderes „produziert“: Fünf große Talsperren liefern das Trinkwasser für 1,5 Mio. Menschen. Als Anfang der 1990er Jahre die Nitratgehalte im Wasser anstiegen, musste eine Lösung her. Und die ist vorbildlich – denn statt die Daumenschrauben anzuziehen, stieß die Landesregierung eine Kooperation zwischen Wasserversorgern und Landwirten an.

Freiwilligkeit und Zusammenarbeit

Das Ziel ist eine gewässerschonende Landbewirtschaftung ohne Ertragseinbußen für die Landwirte. Das gelingt heute vor allem über Beratung sowie die Förderung kostenintensiver Maßnahmen und Technik. Bei Familie Strack liegen rund zwei Drittel der Flächen im Wassereinzugsgebiet, d.h. im Zulauf einer der Talsperren, aus der Trinkwasser gewonnen wird. „Wir waren damals neugierig, was die wohl vorhaben“, berichtet Dietmar Strack, „und weil man nie ‚musste‘ und sehr viele der Maßnahmen sich ausgezahlt haben, sind wir bis heute dabei geblieben.“ 

Mulchen statt Mähen

Schon vor 25 Jahren hat Dietmar Strack zum Beispiel begonnen, die Wiesen zu mulchen, statt lediglich nachzumähen. „Wenn es nicht unter einem dicken Schwad begraben liegt, wächst das Gras einfach dichter nach“, erklärt er, „und über die Jahre hat man dadurch, gemeinsam mit dem jährlichen Nachsäen, einen Vorteil.“ Einen damals noch sehr teuren Mulcher hätte Strack ohne die Förderung der Kooperation wohl nicht angeschafft. Beihilfe zu moderner Technik (meist um 35%) gibt es bis heute: Im vergangenen Jahr ist ein Güllefass mit Schleppschuh-Verteiler eingezogen. Auch die Kosten für Güllelagerraum, die über den gesetzlich vorgeschrieben Zeitraum von sechs Monaten hinausgehen, oder das Ballenwickeln (sofern der Betrieb Silage sonst auf Feldmieten lagern würde), werden anteilig übernommen. 

Neben Technik werden aber auch bestimmte Maßnahmen gefördert, die das Oberflächenwasser sauber halten: Weidende Kühe sollen nicht aus den Bächen trinken, um zu verhindern, dass sie Kot darin absetzen. Daher bezahlt die Kooperation einen Teil der Zäune und die dadurch nötigen Weidetränken, Bachüberwege oder einen Obolus für besonders breite Gewässerrandstreifen. Nach Mais bauen Stracks Grünroggen als Zwischenfrucht an. So binden sie überschüssigen Stickstoff im Herbst und verhindern eine Auswaschung. Das Saatgut übernimmt das Programm. Insgesamt gibt es einen umfangreichen Maßnahmenkatalog.

Beratung und Unterstützung bei der Düngeplanung

Auch jährliche Nmin-Proben auf Maisflächen sind im Wassereinzugsgebiet für die Betriebe kostenfrei: „Ziel ist, dass die Landwirte erst verhalten düngen und erst nach der Probennahme aufdüngen, was noch fehlt“, erklärt Wasserkooperations-Berater Benjamin Jacob von der Landwirtschaftskammer NRW. Er betreut die 280 teilnehmenden Betriebe, berät sie bei der Düngeplanung und regt immer wieder neue Versuche an. „Wir setzen sehr auf Freiwilligkeit und individuelle Lösungen. Wenn sich eine Maßnahme für einen Betrieb nicht bewährt, dann darf er sie auch wieder sein lassen.“ Denn Kooperation bedeute eben auch, auf Sanktionen zu verzichten. Eine Methode, die sich für Tobias Strack bezahlt macht. „Unser Grünland wäre heute längst nicht so ertragreich, wenn nicht immer wieder sehr früh das implementiert worden wäre, was ein paar Jahre später zu ‚guter fachlicher Praxis‘ zählt.“ 

Es herrscht ein gutes Miteinander zwischen Berater und Landwirten. „Je nachdem, wie viel Fläche man im Wassereinzugsgebiet hat, kann es natürlich auch Einschränkungen geben, z.B. die Güllegabe rein nach Temperatursumme“, erklärt Dietmar Strack. Das Prinzip: Die Landwirtschaftskammer meldet, wenn die Temperatursumme ausreicht, dass die Pflanzen die gedüngten Nährstoffe auch tatsächlich für ihr Wachstum benötigen. Die Landwirte entscheiden also nicht mehr nach Augenmaß, wann es Zeit für die Güllegabe wird, sondern wenn ein Algorithmus anzeigt, dass die richtigen Umweltbedingungen herrschen. 

„Die meisten Maßnahmen bieten Vorteile für den Betrieb“, sagt Dietmar Strack, „und was auf Flächen im Kooperationsgebiet funktioniert, übernehmen wir natürlich auch im Rest des Betriebes und setzen so ein ‚Mehr‘ an Naturschutz um.“  

Ein vertrauensvolles Verhältnis ist auch deshalb wichtig, weil die Landwirte im Zuge der Teilnahme an der Wasserkooperation viele Daten über ihren Betrieb preisgeben (z.B. genaue Tierzahl, Ertrag, Inhaltsstoffe der Gülle, …), um gemeinsam mit ihrem Berater eine realistische Düngebedarfsberechnung anzufertigen. 

Mit Erfolg: Der Nitratgehalt im Wasser sinkt

Der hohe Anteil an Grünland, rund 1.100 mm Niederschlag pro Jahr sowie die hügelige Topografie im Bergischen Land sorgen dafür, dass bei der Trinkwassergewinnung das Oberflächenwasser eine große Rolle spielt. Daher hat auch die Art der Bewirtschaftung einen Einfluss. Doch die Maßnahmen der Wasserkooperation zeigen Erfolg: In den vergangenen 27 Jahren seit Beginn der Kooperation ist der Nitratgehalt in den fünf Talsperren zur Wassergewinnung  gesunken. Zum Vergleich: Der natürliche Gehalt des Wassers liegt bei 7 mg NO3, der Grenzwert für Trinkwasser bei 50 mg NO3/l Wasser. 

Der Erfolg: Seit Beginn der Kooperation ist der Nitratgehalt in den fünf Talsperren zur Wassergewinnung  gesunken.

Förderung nur übers Gesetz hinaus

Das Geld für die Maßnahmen stammt aus einer Abgabe der Wasserversorger in Höhe von 5 Cent je gefördertem Kubikmeter Wasser an das Land, welches die Versorger aber mit eigenen Schutzmaßnahmen verrechnen dürfen. Die Landwirte stellen über die durchgeführten Maßnahmen einen Antrag und erhalten die entsprechende Förderung. „Wobei wir den Großteil der Kosten ja immer noch selber tragen“, betont Tobias Strack, „eine einfache Schleppe kostet 2.000 Euro, ein Striegel gleich 12.000 Euro – das sind trotz Förderung dann immer noch 5.000 Euro mehr, vom Schleppschuhfass ganz zu schweigen. Schon viel Geld für ‚etwas‘ Technik.“

Ein Beirat mit Vertretern aller Seiten beschließt förderfähige Maßnahmen und hält die Augen auf nach neuen Bewirtschaftungsmethoden. „Leider dürfen wir nur fördern, was übers Gesetz hinausgeht“, beschreibt Berater Benjamin Jacob. „Dadurch, dass die Gesetzgebung unabhängig von der erreichten Verbesserung immer schärfer wird, werden viele der freiwilligen Maßnahmen  zur Pflicht – nur dann ohne Entschädigung für den Mehraufwand.“ Das grenze die Arbeit der Kooperation immer stärker ein. „Vielleicht können wir in Zukunft noch stärker in Richtung Precision Farming oder mechanische Unkrautbekämpfung fördern“, so Jacob. 

Fazit

Die Wasserschutz-Kooperation zwischen Milchkuhhaltern und Wasserversorgern im Bergischen zeigt, was mit Freiwilligkeit und gemeinsamer Arbeit am gleichen Ziel langfristig zu bewerkstelligen ist – mehr Natur- und Umweltschutz, aber ohne eine Partei auf der Strecke zu lassen! 

Weitere Infos: Homepage der Wasserkooperation

C. Stöcker-Gamigliano