Reportage

Radikaler Umbruch

Estland, Lettland und Litauen gehören traditionell zu den wichtigen Handelsstaaten der Ostsee. Alle drei Länder bilden historisch eine natürliche Schaltstelle zwischen Mitteleuropa, Skandinavien und Russland. Eine wechselvolle Geschichte zeugt...

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Estland, Lettland und Litauen gehören traditionell zu den wichtigen Handelsstaaten der Ostsee. Alle drei Länder bilden historisch eine natürliche Schaltstelle zwischen Mitteleuropa, Skandinavien und Russland. Eine wechselvolle Geschichte zeugt von dieser Bedeutung.

Nach der Unabhängigkeit der baltischen Länder von der Sowjetunion beziehungsweise Russland sind die alten Agrarstrukturen zum großen Teil zerschlagen worden. Die Politik der Baltischen Staaten war radikaler als in anderen osteuropäischen Ländern: Schnell wurden die kollektiven Betriebe als illegal erklärt und eine Landreform gestartet, bei der die alten Landeigentümer von 1939 Flächen zurückbekamen, obwohl bereits klar war, dass Betriebsgrößen von 10 bis 30 ha nicht überlebensfähig sein würden. Wichtig war, die Rechtswidrigkeit der sowjetischen Besatzung durchzusetzen. Um dies zu verdeutlichen, wurden Änderungen, die unter sowjetischer Herrschaft vorgenommen wurden, für ungültig erklärt. Die Verstaatlichung oder Kollektivierung von Land und Vermögen wurde rückgängig gemacht. Mit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 veränderte sich die landwirtschaftliche Szene

Die Landwirtschaft erhielt einen gewissen Schutz, es wurden Beihilfen gewährt und die Absatzmöglichkeiten nahmen zu, allerdings erschwerten die neuen EU-Vorschriften den Kleinbauern vielfach das Leben. Die meisten baltischen Landwirte waren vollkommen unvorbereitet, sie wussten nicht mit der EU-Bürokratie umzugehen. Deshalb war zunächst auch kein flächendeckendes Betriebswachstum zu beobachten. Das hat dazu geführt, dass in den drei Ostsee-Anreiner-Staaten ein Großteil der Milchproduktion nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zunächst in kleinere Familienbetriebe abgewandert ist.

Profitiert von dem EU-Beitritt haben vor allem die größeren Agrarbetriebe, die den Zusammenbruch des alten Sowjet-Regimes überstanden haben. Im Zuge der Privatisierung sind einige Kolchosen in Kapitalgesellschaften oder Genossenschaften überführt worden. Deren Leistung haben oftmals die damaligen Kader (Direktoren, Anlagenleiter) übernommen. In vielen Fällen kauften die Leitungskader“ den Mitgliedern der Kolchosen ihre Anteile ab, sodass jetzt oft die Großbetriebe nur wenigen Eigentümern gehören. Aber auch einige „clevere“ Investoren haben die mit der Landreform einhergehenden Möglichkeiten genutzt und den Mitgliedern der Kolchosen ihre Anteile abgekauft. Nach dem EU-Beitritt wurde dann mancherorts auch kräftig in die Milchproduktion investiert.

Heute wird ein Großteil der Milch aber wieder – wie zu Sowjetzeiten –  in größeren Milchkuhanlagen erzeugt. Die neuen, modernen Milchfarmen haben mit den ehemaligen Sowjet-Kolchosen außer der Herdengröße nichts mehr gemein. In Estland, Lettland und Litauen wurden die im mittleren Westen der USA bewährten Produktionskonzepte, leistungsstarke Kuhherden von mindestens 1.000 Milchkühen, oftmals als Blaupause genutzt. Die unendlich weiten Maisäcker und die modernen Stallanlagen erinnern schon sehr an die Milchregionen in den USA (Idaho, Minnesota oder Wisconsin).

Gregor Veauthier