Reportage

Viel Milch durch viel Luft

Um im Sommer die Kühe abkühlen zu können, drücken große Ventilatoren Frischluft in Längsrichtung durch die Kuhställe.
Für ein komplett gegensätzliches Haltungssystem hat sich Joel Coble entschieden. Gemeinsam mit seinem älteren...

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Um im Sommer die Kühe abkühlen zu können, drücken große Ventilatoren Frischluft in Längsrichtung durch die Kuhställe.

Für ein komplett gegensätzliches Haltungssystem hat sich Joel Coble entschieden. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder James bewirtschaftet er in der 2. Generation die Harmony Grove Dairy Farm. Die Brüder halten ihre Kuhherde ganzjährig im Stall. Um das Klima möglichst konstant zu halten, sind drei der vier zwischen 2005 und 2010 errichteten Stallgebäude mit einer Tunnellüftung versehen. D.h. auf einer Giebelseite wird von riesigen Ventilatoren Luft angesaugt, die dann einmal längs durch den Stall geblasen wird und diesen dann auf der gegenüberliegenden Giebelseite wieder verlässt. Die Ventilatoren laufen 24 Stunden lang an 365 Tagen. Selbst im Winter sind immer mindestens 12 Lüfter gleichzeitig in Betrieb.

Nur der Stall, in dem die hochtragenden Rinder und die Trockensteher untergebracht sind, ist als offener, konventioneller Laufstall ausgeführt. Aber dort sorgen ganze Reihen an Lüftern für einen enormen Luftsog. Das ist auch nötig, denn während der Sommermonate klettert die Tagesdurchschnittstemperatur auf 33°C. Selbst während der Nächte werden oft noch knapp 30°C gemessen. Hinzu kommt die hohe Luftfeuchtigkeit.

Das Lüftungssystem wirkt sich positiv auf die Milchleistung aus!“

Joel Coble

Trotz der aufwändigen Lüftungstechnik fordert der Hitzestress seinen Tribut. Sowohl die Milchleistung als auch die Fruchtbarkeit gehen mit dem Einsetzen der Hitze in die Knie. Das durchschnittliche Tagesgemelk sinkt um knapp sechs Kilogramm pro Kuh ab (von 37 auf 32,5 kg). Die Konzeptionsrate, die sich normalerweise bei 50 % einpendelt, sinkt bis auf 34 % ab – obwohl auch im Sommer die Kühe ordentlich rindern, weiß Joel Coble zu berichten. „Die Tunnellüftung hat eigentlich keinen Einfluss auf die Tiergesundheit, sie beeinflusst aber positiv die Milchleistung.“

Sträflinge als Melker

Gemolken werden die 3.200 Kühe in einem 2 x 30 Parallel-Melkstand (je drei Melker kümmern sich auf einer Melkstandseite um je zehn Kühe: predippen, vormelken, abwischen und anhängen). Um die Eutergesundheit in einem stabilen Bereich halten zu können (200.000 Zellen) bzw. den unvermeidlichen Anstieg im Sommer möglichst gering zu halten (< 50.000 Zellen) setzt der Milchfarmer auf On-Farm Mastitis-Tests. Behandelt werden aber keine Einzelkühe sondern immer nur Kuhgruppen. Erkrankt eine Kuh dreimal an Mastitis, muss sie die Herde verlassen. Um die Remontierungsrate so gering wie möglich zu halten, wird auf der Farm „geimpft was nur eben geht“, so Joel Coble.

Ungewöhnlich ist auf der Farm auch die Rekrutierung der Mitarbeiter. Rund 40 zumeist aus Südamerika stammende Menschen arbeiten auf der Farm. Doch aufgrund der Einwanderungspolitik der US-Regierung  wird es immer schwieriger, auf legalem Weg Arbeitskräfte einzustellen, beklagt der Milchfarmer. Deshalb hat sich Coble jetzt dazu entschlossen, mit Strafgefangenen bzw. Ex-Sträflingen zu arbeiten. „Das erfordert etwas Geduld, denn viele dieser Menschen haben noch niemals einen geregelten Tagesrhythmus kennengelernt, geschweige denn gearbeitet. Aber eigentlich ist es genau das, was sie sich wünschen“, weiß der Milchfarmer.

Gregor Veauthier
gv@elite-magazin.de