Reportage

Vom Land aufs Wasser

Foto: Chris McCullough

Mitten im Hafen von Rotterdam sollen in Zukunft Milchkühe leben – auf einem Floß. Peter van Wingerden über die Vision, Lebensmittel dort zu produzieren, wo die Verbraucher sind. 

Ein ruhiger Seitenarm im Rotterdamer Hafen. Von der Straße aus gelangt man durch ein Tor über eine Schotterfläche zu einem Schiffsanleger. Doch statt eines Tankers dümpelt ein Betonfloß ruhig im Wasser. Im Sommer 2018 ist noch alles ruhig. Doch schon bald sollen hier 40 Milchkühe leben, deren Milch direkt vor Ort zu Joghurt, Trinkmilch und Co. verarbeitet werden soll. „Viele Metropolen dieser Welt sind ums Wasser herum entstanden“, sagt Peter van Wingerden, Geschäftsführer der Floating Farm. „Nachhaltig ist zum einen, nicht immer mehr der Erde zuzubauen. Und zum anderen, die Vielzahl an Transporten zu reduzieren! Was liegt da näher, als Lebensmittel in direkter Nähe zum Verbraucher zu produzieren.“ Auf dem Land drängelten sich alle – auf dem Wasser sei noch Platz vorhanden, so der Geschäftsmann. 

Oben sollen die Kühe in einer Art „Wintergarten“ wohnen, unten die Milch verarbeitet werden. Foto: Werkbild

Mit Kühen beginnen

„Kühe sind perfekte Biomasse-Upcycling-Maschinen“, sagt Peter van Wingerden und gestikuliert mit den Händen, „denn ich möchte einen Kreislauf schaffen.“ Und, etwas spitzbübisch: „Außerdem wären wir wohl kaum auf so ein Medieninteresse gestoßen, wenn wir einen schwimmenden Gemüsebetrieb geplant hätten.“ Rund 80 % der Futtermittel sollen aus der Stadt kommen, hofft van Wingerden: Essensreste, Pflegeschnitte von den Stadtwerken. Die Gülle der Kühe soll als Dünger zurück in die Stadt und als Grundlage für den Gemüseanbau dienen. Die Stadtparks könnten wiederum für die Wasserversorgung sorgen. Zudem soll Regenwasser aufgefangen und Brackwasser aus dem Hafen gefiltert werden.  

Die Kühe sollen auf 24×24 m obenauf in einer Art „Wintergarten“ wohnen (über einen ähnlichen Stall berichteten wir hier). In der unteren Etage findet eine komplette Molkerei im Miniaturformat Platz, die Milch und Joghurt produzieren soll. Daneben ist Raum für Besucher (Schülergruppen, Anwohner) oder die Verarbeitung von Gülle und Biogasen, um Emissionen einzusparen. Als unterstes „Stockwerk“ dienen die Auftriebskammern. Ein Bauer soll sich um die Kühe kümmern, ein Molkereispezialist die Produkte herstellen. 

Kälber sollen in den ersten drei Monaten auf dem Floß aufwachsen und danach auf Flächen in 10 km Entfernung aufgezogen werden, die den Initiatoren zur Verfügung stehen. 

Problematisch: Eis und hohe Wellen

Neben der Nähe zur Bevölkerung ist ein weiterer Pluspunkt eines Hafens, dass Wasserbedingungen relativ kontrolliert sind. In einem Hafen treten Wellen von maximal 15 m Länge auf. Längere Wellen könnten dem Floß gefährlich werden. Auch mit „Packeis“ hätte die schwimmende Farm wohl ein Problem. Mit Erdbeben hingegen soll die Farm gut umgehen können: Das Wasser wirkt dann als Puffer. 

Peter von Wingerden ist von seiner Vision überzeugt. Deswegen kämpft er gegen die Widerstände an, die das Projekt wieder und wieder verzögern. „Eigentlich wollten wir noch in 2018 einmelken“, sagt er, „doch leider herrscht vielerorts eine Mentalität des ‚institutionellen Neins‘. Ich vermisse manchmal etwas Wagemut.“

80 % der Investitionssumme von ca. 2,5 Mio. Euro stammen aus privatem Geld und 20 % von einem Bankkredit. Van Wingerden will mit dem Verkauf von Milchprodukten 320.000 Euro einnehmen; dann rechne es sich. Die Milchprodukte sollen 10 bis 15 % über Ladenpreis kosten. Dazu sollen Erlöse aus den Nebenproduktion wie Gülle, Dünger etc. kommen. „Ich bin mir sicher, das in Zukunft auch die CO2-Verschmutzung in Lebensmittel eingepreist wird“, sagt Peter. „Dann sind wir mit unserer Kreislaufwirtschaft im Vorteil.“ Alles wird vor Ort produziert und kaum transportiert. Und wo heute noch ein Industriegebiet herrscht, soll innerhalb von 10 Jahren ein Wohngebiet entstehen. 

Futter wurde im Sommer in jedem Fall schon einmal angeliefert.

Der Visionär im Interview

Ein Interview mit Peter van Wingerden über seine Ideen, seine Pläne, seine Ziele (Antworten in englischer Sprache):

Die ersten Kühe in 2019?

Am liebsten würde van Wingerden Meuse-Rhine-Yssel-Kühe (MRY) kaufen, eine alte niederländische Rasse. Doch wann auf der schwimmenden Farm die erste Milch gemolken wird, ist noch ungewiss. Peter van Wingerden: „Manchmal nervt mich das ganze Projekt. Doch zum einen stemmen wir das als Team. Und zum anderen haben wir so viele Rückfragen und Interessenten für das Projekt aus aller Welt – ich bin mir sicher, dass dieses Konzept die Welt verändert!“

Mehr Infos zur Floating Farm gibt’s hier

Christine Stöcker

cs@elite-magazin.de