Wirtschaft

Wellness oder Stress: Sollen Kühe raus?

Im Rahmen der Systemanalyse Milch wurde auch untersucht, ob es bezüglich des Tierwohls und der Tiergesundheit Unterschiede zwischen...

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Im Rahmen der Systemanalyse Milch wurde auch untersucht, ob es bezüglich des Tierwohls und der Tiergesundheit Unterschiede zwischen den Systemen Weide oder Stall gibt.

In den letzten Jahren ist die Stallhaltung der Milchkühe durch breitere Laufgänge, weichere Liegeboxen und offen gestaltete Ställe deutlich tiergerechter und für den Menschen arbeitsfreundlicher geworden. Dennoch ist es fraglich, ob für Milchkühe, die von Natur aus Weichbodengänger sind, eine artgerechte Umgebung in einer ausschließlichen Stallhaltung mit harten, betonierten Böden und einschränkenden Liegeboxen erreicht werden kann.

Das Tierwohl und die Tiergesundheit wurden mit dem Welfare Quality Protokoll (Foto oeben verlinken  !!!) jeweils zum Ende der Sommer- und der Wintersaison untersucht. Zusätzlich stellten die 61 Milcherzeuger ihre  MLP-Daten der Jahre 2012 bis 2015 zur Verfügung und beantworteten mehrere Fragen zur Weidehaltung in einem Fragebogen.

Auf 20 der 61 Betriebe erfolgten zudem Klauenuntersuchungen am Ende der Weide- und Wintersaison, wobei aus jeder der vier Gruppen jeweils fünf Betriebe untersucht wurden. Klauenlänge, -härte und das Auftreten von Klauenerkrankungen wurden erfasst. Erkrankungen wurden Schweregraden 1 bis 3 zugeordnet.

Höheres Wohlbefinden aber weniger Milch!

  • Die Weide hatte einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden und die Gesundheit der Kühe. Mit zunehmender Anzahl an Weidestunden wurden weniger lahmende Kühe und Tiere mit haarlosen Stellen beobachtet. In Gruppe 4 (100 % Stallhaltung) wurden mehr lahmende Kühe gezählt als in allen drei Gruppen mit Weidehaltung zusammen.
  • In den Wintermonaten schnitten Betriebe mit ganzjähriger Stallhaltung und Weidebetriebe gleich gut ab.
    Schwächen hatten die Weidebetriebe bei der Fütterung, viele Milchkühe zeigten während der Weidesaison eine zu geringe durchschnittliche Körperkondition (Body Condition Score).
  • Die Milchleistung fiel in Betrieben mit ganzjähriger Stallhaltung (Gruppen 3 und 4) um etwa 1.000 kg pro Kuh höher aus als in den Weidegruppen 1 und 2 (mehr als sechs Stunden Weide pro Tag. Im Mittel der Jahre 2012 bis 2015 wurde in den Sommermonaten ein Anstieg der Zellzahlen für Gruppe 2, Gruppe 3 und Gruppe 4 beobachtet.
  • Eine Haltungsform, in der Mortellaro vergleichsweise selten auftrat, konnte nicht gefunden werden, jedoch waren die Schweregrade von Mortellaro bei Stallhaltung deutlich höher als bei Weidegang. Das lässt eine positive Auswirkung der Weide auf die Erkrankung vermuten.
  • Eine optimale Anzahl von Weidestunden konnte nicht festgestellt werden, zwischen den drei Gruppen mit Weidehaltung variierten die Ergebnisse je nach Parameter.
  • Da die Kühe bei Weidehaltung das Winterhalbjahr in den Ställen verbringen, haben sich zum Ende der Stallsaison kaum noch Unterschiede zwischen weidehaltenden- und nicht-weidehaltenden Betrieben gezeigt.

Bleibt festzuhalten: Die Weide im Sommer kann einen „schlechten“ Stall in den Wintermonaten nicht ausgleichen! Auch bei Weidehaltung muss den Kühen in den Wintermonaten ein tiergerechter Stall angeboten werden.

Empfehlungen für die Praxis

  • Es sind Tiefboxen mit einer Einstreu zu verwenden, die dem Naturboden am nächsten kommt: Stroh-/Mist- Gemisch oder Sand. In den Boxen sollte immer eine dicke Matratze vorhanden sein.
  • Die Kuh darf beim Aufstehen oder Abliegen nicht behindert werden. Sie sollte mit allen Beinen in der Box stehen können, damit die Klauen abtrocknen können (Tipp: gegebenenfalls Nackenbügel versetzen oder Liegebox verlängern).
  • Die Klauen der Kühe müssen abtrocknen können, entweder in der Liegebox oder auf der Weide. Nur so lässt sich Mortellaro, Klauen- und Ballenfäule vorbeugen. Eine Klauenpflege sollte zwei bis drei Mal im Jahr erfolgen. Als lahm erkannte Kühe sollten noch am gleichen Tag behandelt werden.
  • Mehr als drei Stunden Weidezeit (Halbtagsweide) sollte nur gewährt werden, wenn genügend Futter auf der Weide vorhanden ist. Sechs Stunden (oder mehr) ohne ausreichendes Futterangebot reduziert nicht nur die Leistungen sondern schränkt auch das Wohlbefinden ein. Das gilt auch ab etwa 23°C, denn dann wird es den Kühen zu warm auf der Weide. Sofern kein Schatten auf der Weide zur Verfügung steht, sollten die Kühe im Stall bleiben.
Linda Armbrecht, Christian Lambertz, Matthias Gauly
(Universität Göttingen); Dirk Albers (LWK Niedersachsen)