Innovation

Wirtschaftlichere Kühe züchten

Christoph Niehues-Pröbsting betreut als Zuchtberater viele Milcherzeuger im Bereich der Herdentypisierung. Wir haben ihn gefragt, wie die Betriebe den größten Nutzen dieses Tools erreichen können. 
Seit der Einführung im Mai 2017...

Anmelden um weiterzulesen

Hast Du noch kein Login für Elite oder Elite Impulse?

Christoph Niehues-Pröbsting betreut als Zuchtberater viele Milcherzeuger im Bereich der Herdentypisierung. Wir haben ihn gefragt, wie die Betriebe den größten Nutzen dieses Tools erreichen können. 

Seit der Einführung im Mai 2017 hat sich die Herdentypisierung im Einzugsgebiet der RUW sehr gut etabliert. Häufig werden die genomischen Zuchtwerte der Jungtiere für Selektionsentscheidungen genutzt. Für eine gezielte Anpaarung kombinieren viele Betriebe die Herdentypisierung mit dem Service eines Bullenanpaarungsprogrammes (BAP). Gerade zu Beginn ist zudem eine Unterstützung des Zuchtberaters im Umgang mit Herdentypisierung sehr nützlich. 

Selektion: Planung und Vermarktung 

Die Selektionsintensität im Betrieb hängt stark von vorhandenen Ressourcen ab. Je nach Platz-, Futter- und Flächenverfügbarkeit können mehr oder weniger Tiere aufgezogen werden. Mit der Herdentypisierung verfügt ein Betrieb schon sehr früh über sehr verlässliche Informationen seiner Tiere. Damit bietet es sich an, die Tiere auch sehr früh zu selektieren. Werden die Zahlen richtig interpretiert, kann man bei Selektionsentscheidungen allein auf die genomischen Zuchtwerte vertrauen. Die genomischen Zuchtwerte haben eine viel höhere Sicherheit als phänotypische Werte. Denn wie soll man beim Betrachten eines kleinen Kalbes voraussagen, welche Veranlagung es für Nutzungsdauer, Mastitisresistenz oder Melkbarkeit hat? Das ist unmöglich. 

Je knapper die Ressourcen, umso früher und intensiver muss selektiert werden. 

Christoph Niehues-Pröbsting, Zuchtberater RUW 

Das Problem einer sehr frühen Selektion (als Kalb) sind häufig die schwierigen Vermarktungsmöglichkeiten. Oft stellt sich die Frage, wie man genomisch „schlechte“ Tiere vermarkten kann. Denn die genomischen Zuchtwerte kann man nicht mehr „verstecken“. Bisher spielen die Zuchtwerte bei der Vermarktung in der Regel noch keine Rolle, es ist aber davon auszugehen, dass sich das ändern wird. Dazu könnten unter anderem auch die neuen Gesundheitszuchtwerte massiv beitragen. Bei Betrieben, die konsequent mit den genomischen Zuchtwerten arbeiten, zeigt sich aber, dass deren aussortierte Tiere oftmals über dem Populationsschnitt liegen und somit für viele andere Betriebe noch durchaus interessant sind. Möglicherweise haben Milcherzeuger, die mit Herdentypisierung beginnen, in den ersten ein bis zwei Jahren leichte Nachteile bei der Vermarktung. Das muss aber nicht unbedingt so sein, denn Stand heute ist das Tier selbst (Entwicklung, Kondition etc.) ausschlaggebend. Auch wenn sich das in Zukunft ändern könnte, werden die aussortierten Jungrinder durch den schnellen Zuchtfortschritt in der Herde gleichzeitig immer besser. 

Eine Selektion ist aber im Besamungsalter möglich, wenn entschieden wird, ob das Tier zum Beispiel mit Fleischrasse- oder gesextem Sperma besamt wird. Bei dem Einsatz von rassefremdem Sperma ist aber zu beachten, dass eine ausreichende Anzahl an potenziellen Nachzuchten erzeugt wird. Je größer der Pool an weiblichen Holsteinkälberm, desto intensiver die Selektionsmöglichkeiten. 

Anpaarung: Weniger ist mehr 

Für eine gezielte Anpaarung sollte beiden Seiten, also weiblichen und männlichen Zuchtwerten, die gleiche Bedeutung geschenkt werden. Denn beide Seiten liefern die gleichen Informationen mit identischen Sicherheiten. Bei der Auswahl der relevanten Merkmale gilt „weniger ist mehr“. Wer versucht, möglichst viele Merkmale verbessern zu wollen, stößt schnell an seine Grenzen. Eine möglichst hohe Gewichtung sollte den Zuchtwerten für Nutzungsdauer (RZN) und Milchleistung (RZM) zugestanden werden. Beide Merkmale haben den höchsten Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit der Herde. Weitere Merkmale sind häufig betriebsspezifisch, wie zum Beispiel Mastitis, Melkbarkeit, Strichplatzierung oder Mortellaro. Wenn solche Merkmale im Betrieb ein Problem darstellen, sollte man sie berücksichtigen. Auf einige Zuchtwerte kann man dagegen durchaus ganz verzichten. So sei die Sinnhaftigkeit eines Zuchtwertes für Milchtyp heute fragwürdiger denn je.  

Beim Bulleneinsatz gilt es, diesen möglichst zu streuen, d.h. einen genomischen Jungbullen nicht zu häufig einzusetzen, falls sich seine Zuchtwerte nicht wie gewünscht wiederspiegeln. Es hat sich bewährt, die eingesetzten Bullen mindestens nach jeder Zuchtwertschätzung (dreimal jährlich) zu wechseln. Generell ist es am sinnvollsten, die immer die besten Bullen, d.h. die Bullen mit den höchsten Zuchtwerten, einzusetzen. In der Regel ist die jüngste Generation an genomischen Bullen den älteren töchtergeprüften Bullen überlegen. Der Einsatz töchtergeprüfter Bullen bringt nur dann etwas, wenn sie besser sind, als die besten genomischen Jungbullen. 

Bei der Flut an Daten und wachsenden Betriebsgrößen ist eine herkömmliche Anpaarung via Bullenkatalog in den meisten Betrieben nicht mehr möglich. 

Christoph Niehues-Pröbsting, Zuchtberater RUW 

Besonders für Typisierungsbetriebe ist zudem der Service eines BAP sehr zu empfehlen. So kann unter Berücksichtigung der genomischen Zuchtwerte ganz individuell angepaart werden. Die Kosten des BAP sind sehr überschaubar und Bestandteil des Services auf den Betrieben. 

Zucht funktioniert heute anders

Obwohl die Flut an neuen Daten in Form von Zuchtwerten auf den ersten Blick abschreckt, lassen sich die Zahlen gut eingrenzen und sind vor allem objektiv. Jeder Betriebsleiter beschäftigt sich heute regelmäßig mit Rationsberechnungen und Düngekalkulation. Warum also sollte der Bereich Zucht vom Datenmanagement ausgeschlossen bleiben? Vor allem Betriebe, die ihr Betriebsmanagement gut im Griff haben und gerne anhand von Zahlen kalkulieren, werden gut mit der Herdentypisierung arbeiten können, um ihre Milchproduktion mit Hilfe der Genetik weiter zu verfeinern. 

Christoph Niehues-Pröbsting ist sich dennoch sicher, dass sich das Instrument der Herdentypisierung mehr und mehr etablieren wird. Die Praxis zeigt, dass genomische Zuchtwerte als Management-Werkzeug gut funktionieren. Auswertungen machen deutlich, dass sich die genomischen Zuchtwerte des Kalbes später als melkende Kuh wiederspiegeln und der Zuchtfortschritt in Typisierungsbetrieben deutlich höher ist. Einzelbetrieblich hat sich der Gesamt-Zuchtwert (RZG) pro Jahr bis zu zehn Punkte erhöht. Und der RZG besteht zu 2/3 aus Leistung und Nutzungsdauer, also aus den einflussreichsten Merkmalen für die Wirtschaftlichkeit der Herde. Besonders in den „nicht sichtbaren“ funktionellen Merkmalen können jetzt deutlich höhere Zuchtfortschritte erzielt werden. Überspitzt formuliert, kann ich heute bei einem kleinen Kalb in etwa vorhersagen, ob es eine 100.000 Liter-Kuh wird oder nicht. 

Man muss lernen und vor allem akzeptieren, dass Zucht heute ganz anders funktioniert als noch vor 10 Jahren. 

Christoph Niehues-Pröbsting, Zuchtberater RUW 

Die wichtigsten Tipps zur Herdentypisierung: 

  • Datensicherheit: Genomische Zuchtwerte bringen mehr Objektivität zur genetischen Einschätzung der Herde und dienen dem Betriebsmanagement in den Bereichen Selektion und Anpaarung. 
  • Selektion: Selektionsintensität anhand betriebsindividueller Ressourcen festlegen und immer ausreichend viele weibliche Holsteinkälber aufziehen, um genug Puffer zu haben
  • Anpaarung: Schwerpunkt auf Zuchtwerte für Nutzungsdauer (RZN) und Milchleistung (RZM) legen, zusätzlich dazu dann betriebsspezifische Merkmale fokussieren
  • Bulleneinsatz: Die besten und höchsten (RZG) Bullen und vor allem verschiedene Bullen einsetzen und diese nach jeder ZWS wechseln
  • BAP: Einfache und exakte Anpaarung und die intensivste Nutzung der weiblichen Zuchtwerte
  • Christoph Niehues-Pröbsting ist Zuchtberater bei der Rinder-Union West eG und betreut viele Milchkuhbetriebe mit Herdentypisierung.  Bild: Rinder-Union West eG 
    Katrin Hilbk-Kortenbruck