Mensch

Zwischen Familienbetrieb und Großkonzern

Hans Stöcker engagiert sich  im Vorstand von FrieslandCampina. Was treibt ihn an, neben dem eigenen Milchkuhbetrieb auch die Geschicke des Molkereiriesen mit zu lenken?
"Ich will es lieber selbst beeinflussen", sagt Hans Stöcker (54...

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Hans Stöcker engagiert sich  im Vorstand von FrieslandCampina. Was treibt ihn an, neben dem eigenen Milchkuhbetrieb auch die Geschicke des Molkereiriesen mit zu lenken?

„Ich will es lieber selbst beeinflussen“, sagt Hans Stöcker (54 Jahre) in schönstem, oberbergischen Dialekt. Er hält nichts davon,  sich zurückzulehnen und darauf zu hoffen, dass schon irgendjemand die Geschicke seiner Genossenschaftsmolkerei lenken werde. Angefangen hatte sein ehrenamtliches Engagement für die Milchbranche in den 90er-Jahren mit der Molkerei Milchwerke Köln Wuppertal (Tuffi). „Anfang der 90er-Jahre zahlte Tuffi die besten Milchpreise aus. Doch innerhalb kürzester Zeit stürzte der Auszahlungspreis ab.“ Die Discounter bauten ihre eigene Distribution auf, MKW konnte nicht schnell genug reagieren. Im Jahr 1997 kündigten viele Mitglieder und wanderten ab. „Für die Leitung der außerordentlichen Vertreterversammlung der Milchwerke Köln-Wuppertal suchte man damals ein ’neutrales junges Gesicht‘.“ Daraus entstand die Zusammenarbeit mit Campina.

Im Jahr 2011 wurde er dann vom Mitgliederrat (höchstes Organ der Genossenschaft) in den Vorstand von Zuivelcoöperatie FrieslandCampina U.A. gewählt.  „Für die Mitarbeit im Vorstand kann sich jedes Mitglied bewerben. Allerdings haben wir bei FrieslandCampina eine sogenannte Selektionskommission, die sich die Bewerber und ihre Erfahrungen, die sie mitbringen, genau anschaut.“ Auf Lebenszeit sei sein Engagement aber nicht, erklärt Hans Stöcker und zwinkert mit dem Auge. Denn die Amtszeit der FrieslandCampina-Vorstände ist auf dreimal vier Jahre beschränkt. „So verjüngt sich der Vorstand kontinuierlich. Ein jahrzehntelanges Festhalten an Posten ist nicht möglich!“

Wissen zukaufen

Gemeinsam mit vier externen Mitgliedern bildet der Vorstand außerdem auch den Aufsichtsrat des Konzerns Royal FrieslandCampina N.V.. Wie steht der Milchkuhhalter deshalb zu den kritischen Stimmen, dass Landwirte nicht die Kompetenz hätten, die weitverzweigten Geschäftsfelder eines großen Konzerns überwachen zu können? „Wir haben uns natürlich in diesem Gebiet weitergebildet. Man muss lernen wollen, um im Sinne der Mitglieder Entscheidungen treffen zu können.“ Dennoch sei es natürlich ein schwer überschaubares unternehmerisches Geflecht. „Deshalb kaufen wir bei FrieslandCampina Wissen zu und engagieren weltweit agierende Prüfungsunternehmen , die unsere Molkerei regelmäßig kontrollieren.“ Unterstützt werden die Landwirte zudem durch vier externe Aufsichtsratsmitglieder, die selbst große Unternehmen geleitet haben oder im Finanzsektor tätig waren. Mit all diesen Personen und Prüfungsgesellschaften könnten sie die Geschäfte bestmöglich kontrollieren. Die Kritik ist für ihn deshalb unbegründet.

Neben seinem Engagement bei FrieslandCampina ist Hans Stöcker außerdem rheinischer Vorsitzender der Landesvereinigung Milch in NRW. Für ihn eine logische Konsequenz: „Denn eine höhere Wertschöpfung der Milch können wir nur durch eine hohe Verbraucherakzeptanz erreichen. Deshalb ist es nicht nur wichtig, neue Produkte auf den Markt zu bringen, sondern auch für den guten Ruf der Milch zu werben.“ Die Milchbranche müsse näher an den Konsumenten. „Wir müssen stärker in den Sozialen Medien präsent sein, um den  Kritikern der modernen Landwirtschaft nicht das Feld zu überlassen.“

Neben seinen Aufgaben bei FrieslandCampina ist Hans Stöcker (re.) auch rheinischer Vorsitzender Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW.

Starke Familie

Das Sprichwort: Hinter einem starken Mann steht immer auch eine starke Frau, trifft auch auf Hans Stöcker zu. Wobei dieses Sprichwort sicherlich um starke Familie erweitert werden muss. „Ohne die Unterstützung durch meine Frau Martina und inzwischen auch durch meinen Sohn Andreas, wäre mein Engagement nicht möglich.“ Denn im Schnitt muss Hans Stöcker zwei Tage pro Woche für seine Vorstandsarbeit bei FrieslandCampina einkalkulieren. Insgesamt drei bis vier Tage die Woche ist er für alle genossenschaftlichen und ehrenamtlichen Tätigkeiten unterwegs. „Da kannst Du keine tagesgebundenen Arbeiten mehr übernehmen.“

Und man müsse dann eben auch akzeptieren, wenn Entscheidungen anders getroffen würden, als man es selbst vielleicht entschieden hätte. Neben der engagierten Familie haben Stöckers auch einige Aufgaben ausgelagert. „Ich kann ja nicht einmal dafür garantieren, dass ich beim ersten Schnitt zu Hause bin.“ Deshalb setzen sie im oberbergischen Dörrenberg bei der Außenwirtschaft schon seit Langem u. a. auch auf den Lohnunternehmer.

Das alles, und das betont der Milchkuhhalter deutlich, sei aber nur durch eine angemessene Aufwandsentschädigung für seine Arbeitskraft möglich. Ich muss einen zusätzlichen Mitarbeiter bezahlen können.“ In den Niederlanden ist dies aber immer schon eine absolute Selbstverständlichkeit gewesen!“

Eine gemeinsame Sprache

Welche Herausforderungen bringt dieses breitgefächerte Engagement mit sich? Zwischen den beiden „Welten“ hin und her zu springen sei nicht einfach. „Wenn ich nach vier oder fünf Tagen wieder zu Hause bin, komme ich gedanklich nicht immer sofort an.“ Das ist für ihn und die Familie manchmal schwierig, aber damit müsse er sich abfinden. Eine weitere Herausforderung sei für ihn gewesen, die niederländische Sprache zu erlernen. Als Vorstandsmitglied leitet man bei FrieslandCampina nicht die Versammlungen des eigenen Distrikts, sondern ist für zwei oder drei andere Distrikte zuständig, d. h. in Hans Stöckers Fall, er muss Versammlungen in niederländischer Sprache leiten : „Zu Anfang war es sehr schwer, denn hier geht es ja nicht um einen Smalltalk über das Wetter, sondern um wichtige Diskussionen, Wahlen, Entscheidungen.“ Die Berufskollegen hätten ihm aber sehr gut geholfen. „Die niederländischen Kollegen müssen dementsprechend auch Deutsch lernen. Eine gemeinsame Sprache fördert die Zusammengehörigkeit!“ Inzwischen fühlt sich der oberbergische Milcherzeuger aber auch in der Sprache unserer Nachbarn wohl.

Die größte und einschneidendste Herausforderung bzw. Erfahrung sei für ihn aber der Milchlieferstreik im Jahr 2008 gewesen. „Ich habe damals viel über Menschen gelernt“, resümiert Hans Stöcker rückblickend. Vor zehn Jahren war er als Vorsitzender der Kreisbauernschaft Oberberg und Vorstandsmitglied bei Campina durch seine kritische Haltung zum Milchlieferstopp ins Kreuzfeuer der Milchkuhhalter in seiner Region geraten. „Fehler hat es auf beiden Seiten gegeben. Aber trotz der teilweise persönlich verletzenden Angriffe habe ich an meiner Meinung festgehalten. Ich glaube daran, dass Milcherzeuger langfristig nur gemeinsam eine Strategie für bessere Milchpreise entwickeln können.“

Genossenschaftlicher Überzeugungstäter

„Dies ist ein Grund, warum ich auch im Unternehmen FrieslandCampina ein Vertreter der Milchkuhhalter bin“, sagt Hans Stöcker und betont  das Wort „Milchkuhhalter“ deutlich.  Für ihn ist der große Vorteil einer Genossenschaftsmolkerei das Mitgestalten, „nicht nur Rohstofflieferant sein“. Für ihn steht dabei nicht ausschließlich die derzeitige Milchpreisentwicklung im Vordergrund. Er denkt weiter: „Wir wollen gemeinsam die Entwicklung von Milchprodukten organisieren, die wir marktgerecht verkaufen können. Es wird immer wichtiger, dass wir Produkte erzeugen, die der Kunde wirklich braucht und nachfragt. Durch diesen Mehrwert können wir einen höheren Milchpreis erzielen, von dem alle Mitgliedsbetriebe profitieren.“

Im Gespräch über Genossenschaftsmolkereien fällt bei Hans Stöcker immer wieder das Wort „gemeinsam“. In diesem Wort steckt viel Sprengstoff. Denn so viele Mitglieder die größte Genossenschaftsmolkerei Europas vorzuweisen hat, so viele Meinungen und Ziele der einzelnen Lieferanten müssen auch unter einen Hut gebracht werden. „Ja, wir sehen eine zunehmende Individualisierung der Betriebe und damit auch sehr unterschiedliche Forderungen an die Molkerei. „Da ist der junge Hofnachfolger, der für kommende Investitionen stabile Preise und Kontinuität benötigt. Oder aber Betriebe, die in den nächsten Jahren auslaufen und die einen möglichst hohen Milchpreis mitnehmen wollen. Ein gemeinsamer Weg? Ein scheinbar unmögliches Ziel.

Sparringspartner sind wichtig

Wie geht der Vorstand Hans Stöcker mit diesem Druck, der von allen Seiten auf ihm lastet, um?  „Das ist die Kunst, alle zusammenzuhalten, trotz der unterschiedlichen Ansichten.“ Natürlich versuche er in der Genossenschaft, die Ziele aller Betriebe gleichwertig zu vertreten. Aber auch Genossenschaften entwickeln sich weiter. Heute werden beispielsweise Programme installiert, an denen nicht alle Mitglieder teilnehmen können, wie z. B. das Weidemilch-Programm oder nachhaltige und besondere Milchströme. Nicht alle Mitglieder haben davon einen direkten finanziellen Nutzen. Neben dem höheren Milchgeld für den einzelnen Teilnehmer, müssen diese Programme  gesamtunternehmerisch jedoch einen Mehrwert bringen, von dem dann am Ende wieder alle Genossenschaftsmitglieder profitieren können.

Doch trotz aller Bemühungen, erfährt er immer wieder Kritik durch die eigenen Genossen. „So lange Kritik nicht persönlich wird,  treibt sie mich immer weiter nach vorne. Nur in der Auseinandersetzung kann man sich weiterentwickeln.“ Sparringspartner, Menschen mit denen man sich „reiben“ kann, seien wichtig, fügt er mit einem verschmitzten Lächeln hinzu. Natürlich könne man nicht gegen die Mehrheit agieren. Immer wieder den (kleinsten) gemeinsamen Nenner zu finden, sieht er als entscheidend an. Wichtig ist es, nach Hans Stöckers Ansicht, keine Angst vor Entscheidungen zu haben. Keine Sorge davor, etwas falsch zu machen. „Nichts ist schlimmer als Stillstand. Lieber eine falsche Entscheidung treffen und diese notfalls revidieren, als nichts zu tun!“

Gefragt nach seiner Einschätzung, ob er in der Erreichung dieser Ziele als Ehrenamtler erfolgreich war? Hans Stöcker schmunzelt. „Ein Ehrenamt wird erst dann gemessen, wenn die Nachfolge geregelt ist. Erst dann wird sich zeigen, ob ich meine Ziele auch wirklich erreicht habe!“

Inzwischen ist der Sohn Andreas Stöcker in den Milchkuhbetrieb eingestiegen. Zusammen managt die Familie 180 Kühe.
Birte Ostermann-Palz

bop@elite-magazin.de