Innovation

„Die Genomics sind objektiv, der Mensch nicht!“

Seit Jahrgang 2014 werden alle weiblichen Tiere der Westrup-Koch GbR genotypisiert. Ulrich Westrup verlässt sich bei Selektion und Anpaarung zu 80 bis 95 % auf die genomischen Zuchtwerte, denn sie bieten die höchste Sicherheit.
Die Westrup-Koch...

Anmelden um weiterzulesen

Hast Du noch kein Login für Elite oder Elite Impulse?

Seit Jahrgang 2014 werden alle weiblichen Tiere der Westrup-Koch GbR genotypisiert. Ulrich Westrup verlässt sich bei Selektion und Anpaarung zu 80 bis 95 % auf die genomischen Zuchtwerte, denn sie bieten die höchste Sicherheit.

Die Westrup-Koch Milch GbR (Bissendorf, Niedersachen) umfasst eine Herde von 582 Milchkühen und 623 Kälbern und Jungrindern. Der Betrieb ist vielen nicht nur als innovativer Produktionsbetrieb bekannt, sondern auch als Zuchtbetrieb – wobei dieses in den Augen von Betriebsleiter Ulrich Westrup unbedingt zusammen gehört! Denn Züchten heißt in seinen Augen nichts anderes, als Kühe zu ziehen, die genetisch genau für das aufgestellt sind, was sie können sollen: Genug Milch mit hohen Inhaltsstoffgehalten produzieren, gleichzeitig gesund und fruchtbar und damit leistungsfähig und unkompliziert sein! Ausdrücken möchten wir mit dem Begriff „Zuchtbetrieb“ in diesem Sinne nun mehr, dass die Holstein-Herde der Westrup-Koch Milch GbR eine Vielzahl an Bullenmüttern beherbergt und der Betrieb viele sehr gute Färsen verkaufen kann.

Innovationsgeist und das Bestreben nach einem hohen Zuchtfortschritt kamen für die Westrup-Koch Milch GbR zusammen, als sie mit ihrer Herde als einer der ersten Betriebe in das Genotypisierungsprojekt KuhVision einstiegen. So wurden und werden seit dem Start von Kuhvision in 2014 alle weiblichen Tiere aller Jahrgänge bis dato typisiert.

Die Objektivität, die die genomischen Zuchtwerte ermöglichen, kommt dem Betrieb in den Zuchtentscheidungen in ihrer großen Herde, insbesondere in der Jungviehherde, sehr entgegen. Um den Effekt auf den Zuchtfortschritt tatsächlich nutzen zu können, ist bei den anfallenden Datenmengen allerdings ein sehr geplantes und striktes Vorgehen erforderlich. Wie das in der Westrup-Koch Milch GbR umgesetzt wird, erfahren Sie in diesem Artikel.

Informationen zur Holstein-Herde der Westrup-Koch Milch GbR:

  • Anzahl Kühe: 582
  • Milchleistung MLP: 12.636 kg mit 3,88 % Fett und 3,51 % Eiweiß
  • gRZG Kühe: 120
  • Anzahl Jungrinder: 623 (inkl. einiger Aufzuchtsbullen)
  • gRZG Jungrinder: 130
  • Beginn Genotypisierung: Seit 2010, seit 2014 alle Jahrgänge (Beginn KuhVision)
  • Genotypisiert werden: Alle weiblichen und die besten männlichen Tiere
  • Datenablage und Anwendung: Netrind, Herde plus (Herdenmanagement-Programm)
  • Klare Grenzen definieren

    Um tatsächlich objektiv in den Entscheidungen zu Selektion und Anpaarung vorgehen zu können, wurden klare Grenzen in den Zuchtwerten entsprechend der betrieblichen Zuchtziele festgelegt, erklärt Ulrich Westrup. Für jeden Grenzwert wurde zudem eine einheitliche Vorgehensweise bestimmt (wie z.B. die Besamung mit gesextem Sperma). Wichtig ist dabei, dass die Grenzwerte immer wieder aktualisiert werden. Das geschieht nach jeder neuen Zuchtwertschätzung und Basisanpassung.

    Im zweiten Schritt für die praktische Anwendung lässt sich Ulrich Westrup die Tiere entsprechend der im Zuchtziel fokussierten Zuchtwerte und der darin festgelegten Grenzwerte in der Datenbank Netrind sortieren. Es ergeben sich eine Positiv- und eine Negativliste, wie Ulrich Westrup sie nennt. Hieraus lassen sich prozentual die Tiere mit den höchsten Zuchtwerten und die mit den niedrigsten Zuchtwerten ablesen. 

    Nach dieser vorgenommenen Bewertung und der Festlegung können dann auf Einzeltierebene die täglich anfallenden Zuchtmaßnahmen (Selektion und Besamung) objektiv entschieden werden. Und zwar von jedem dazu befugten Mitarbeiter. Von Vorteil ist hier, dass das im Betrieb verwendete Herdenmanagement-Programm (Herde plus) die (genomischen) Zuchtwertdaten vom VIT ziehen und anzeigen kann. In der Kartei jedes Einzeltieres kann so auf dessen Zuchtwerte und die entsprechend getroffene Anpaarungsempfehlung zugegriffen werden. Die praktische züchterische Maßnahme kann dann zum Zeitpunkt X ohne weiteres großes Nachdenken umgesetzt werden. Das spart täglich Zeit.

    Und zwar mindestens so viel, wie die beschriebene regelmäßige Datenarbeit, schätzt der Betriebsleiter ab. Die VIT-Zuchtwertdaten aktualisiert Ulrich Westrup etwa einmal monatlich in sein Herdenmanagement-Programm sowie immer, wenn die Zuchtwerte-Ergebnisse der neugeborenen Kälber veröffentlicht sind. Das Portal Netrind wird nicht im Alltag angewendet, da die Arbeit mit dem Herdenmanagement-Programm praktischer ist.

    Die Grenzwerte der Westrup-Koch Milch GbR und entsprechende züchterische Maßnahmen:

    • -10% der Kühe nach RZG Besamung mit Mastbulle (ab < 105 RZG)
    • -10% der Kühe nach RZS Besamung mit Mastbulle (ab < 93 RZS)
    • -10% der Kühe nach Fett-kg und Eiweiß-kg Besamung mit Mastbulle (zusammen < 0 kg)
    • +25% der Kühe nach RZG Besamung Holstein gesext (> 128 RZG)
    • Rinder mit einer Melkbarkeit < RZD 85 Vermarktung außerhalb der Zucht
    • Rinder nach RZS < 95, RZN < 100, Fett + Eiweiß < 0 kg = potentielle Exportrinder
    • Rinder RZG < 137 Trägertiere oder normale Besamung
    • Rinder RZG > 137 Besamung Holstein gesext 

    Die Holstein-Bullen für die Anpaarung wählen Ulrich Westrup und sein Herdenmanager Christian Thoms gemeinsam nach folgenden Kriterien aus: RZG > 150, RZN > 115, RZS >105, RZD > 95, RZ Gesund > 100. Übergreifend müssen die Bullen ausgeglichen sein, also keine großen Stärken bzw. Schwächen in den Einzelmerkmalen aufweisen. Dabei achtet sie insbesondere auf nicht zu steile Beine und eine nicht zu enge Strichplatzierung.

    Entscheidung bei den Jungrindern zu 95 % nach Zuchtwert!

    Ulrich Westrup, der im Betrieb die beschriebene Auswertung der Daten übernimmt, verlässt sich so sehr auf die Sicherheit der genomischen Zuchtwerte der weiblichen Nachzucht, dass er sich die Tiere für die Entscheidungsfindung nicht mehr im Stall anschaut (Phänotyp). So beträgt der berücksichtigte Anteil des genomischen Zuchtwertes bei den züchterischen Beschlüssen für die Jungrinder 95 %. Bei den Kühen noch etwa 80 %. Warum, das erklärt er im folgenden Video!

     

    Genomische Zuchtwerte bestätigen sich 

    Ulrich Westrup verlässt sich so stark auf die genomischen Zuchtwerte, weil er sehen und messen kann, dass sich diese in der späteren Eigenleistung und auch im Phänotyp der Kühe überwiegend bestätigen. Natürlich gibt es auch Ausreißer – warum das für den Holstein-Züchter angesichts der Vorteile, die ihm die Arbeit mit den Genomics bietet, akzeptabel ist, erklärt er im folgenden Video.

    Zudem gibt es in der Zucht immer Ausreißer, schließlich entscheidet über die Kombination der Gene aus männlicher und weiblicher Seite auch immer noch der Zufall mit, sagt Ulrich Westrup. „Ausreißer gibt es damit auch noch bei den töchtergeprüften Bullen.“

    Darüber, dass der Zuchtfortschritt auch einen wirtschaftlichen Vorteil bringt, ist sich Ulrich Westrup sicher. Er hat eigene einfache Auswertungen vorgenommen. Unter anderem, indem er die nach genomischem Milch kg-Zuchtwert besten und schlechtesten 15% der Färsen eines Jahrganges sortiert und dann in ihrer tatsächlich erreichten Milchleistung verglichen hat. „Statistisch sicher nicht ganz korrekt, aber die Unterschiede in der Eigenleistung der Färsen sind deutlich. Er kann auch nicht durch die Milchinhaltsstoffgehalte ausgeglichen werden,“ berichtet er. Und den Unterschied sieht er deutlich auch im RZS und in der Melkbarkeit.

    Ob der durch die frühen genomischen Zuchtwerte mögliche zügigere Zuchtfortschritt die anfallenden Kosten der Genotypisierung decken kann, hält Ulrich Westrup für eine gute Frage. Aber sie lässt sich nicht klar beantworten. „Ich denke, dass hängt auch von dem Selektionspotential in einem Betrieb ab, also von der Remontierungsrate“. Benötigt man viele Tiere, um den Bestand zu ergänzen, kann man nicht nur die Besten behalten, der Zuchtfortschritt wird heruntergezogen. Ergänzt man den Bestand nur sehr gering, weil man sehr langlebige Kühe hält, bleibt der Zuchtfortschritt allerdings auch zurück.

    Ein Nachteil, den die schon für ein Kalb verfügbaren transparenten genomischen Daten mitbringen, ist, dass sie immer bei dem Tier bleiben. Ulrich Westrup sagt, dass sie z.B. Tiere mit einem schlechten Zuchtwert in der Melkbarkeit einfach nicht für die Milchproduktion vermarkten können. „Das würde unseren Ruf schädigen.“ Tiere, die in anderen wichtigen Merkmalskomplexen auf der Negativliste landen, werden in den Export vermarktet. Hier wird den genomischen Zuchtwerten bisher noch keine oder wenig Beachtung geschenkt. Im Kopf behalten werden muss bezüglich des genetischen Potentials aber auch immer, dass es entsprechende Umweltbedingungen braucht, damit diese überhaupt zum Ausdruck kommen können. Heißt: Ein hoch genomisch veranlagtes Kalb benötigt auch eine sorgfältige Aufzucht, Fütterung und Haltung über sein gesamtes Leben, damit es gesund und leistungsfähig sein kann.

    Jetzt kommen die Gesundheitszuchtwerte dazu

    Weniger deutlich als bei den anderen hier genannten Merkmalen ist die Abweichung zwischen den Tieren bisher in den neuen Gesundheitszuchtwerten, erklärt Ulrich Westrup. So reicht die Spannweite zwischen dem höchsten und niedrigsten Tier in seiner Herde im RZGesund heute bei 91 bis 121. „So nutzen wir diesen als Kriterium bisher nur auf der väterlichen Seite“, erklärt er. „Am ehesten würde ich jetzt damit beginnen, bei den weiblichen Tieren den RZEuterfit zu berücksichtigen, weil dort die meisten Daten hinter stehen. Wir müssen uns im Team bald überlegen, wie wir gezielt mit den neuen Zuchtwerten umgehen möchten.“

    Ulrich Westrup ist glücklich darüber, durch die Arbeit mit den genomischen Daten den Zuchtfortschritt in ihrer Herde noch einmal beschleunigen zu können. Er denkt aber auch darüber nach, was das für die Zucht in der gesamten Population bedeuten kann. Unterschiede gab es im Zuchtfortschritt in den einzelnen Herden immer. Aber durch die Genomics auf männlicher und heute auch weiblicher Seite wächst die Abweichung zwischen den Betrieben wohl auch schneller, ebenso wie der Zuchtfortschritt. Anhand der gemachten Beobachtungen im eigenen Betrieb sieht Ulrich Westrup, dass dieser Fortschritt auch wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt. Die Möglichkeit der Herdentypisierung zu nutzen, kann er daher nur jedem raten – aber nur, wenn er oder sie auch gezielt mit den Daten arbeitet, denn die Ergebnisse alleine bringen keinen Fortschritt. 

    Katrin Berkemeier