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Männer unter sich

Bernd Kloster ist Bullenpfleger an der Besamungsstation in Borken. Ein Herdenmanager der etwas anderen Art? Neben der All inclusive Betreuung der Besamungsbullen gehören weitere vielseitige Aufgaben zu seinem Job. 
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Bernd Kloster ist Bullenpfleger an der Besamungsstation in Borken. Ein Herdenmanager der etwas anderen Art? Neben der All inclusive Betreuung der Besamungsbullen gehören weitere vielseitige Aufgaben zu seinem Job. 

Durch eine Stellenausschreibung im Landwirtschaftlichen Wochenblatt hat es Bernd Kloster 2005 an die Bullenstation der Rinder-Union West eG (RUW) nach Borken verschlagen. Der gelernte Landwirt bewirtschaftet zusammen mit seinem Vater einen Milchkuhbetrieb mit 45 Kühen, rund 100 Rindern und 350 Mastschweinen. Zwischenzeitlich hat er zudem beim Betriebshilfsdienst gearbeitet. Durch „learning by doing“ und einen zusätzlichen Absamungslehrgang hat er sich weitergebildet und sich auf die Arbeit mit Zuchtbullen spezialisiert.

An seinem Job weiß er besonders die gut funktionierende Zusammenarbeit im Team und den Bezug zur Holsteinzucht zu schätzen. Denn neben dem eigenen Betrieb und seiner Familie ist die Holsteinzucht ganz klar Leidenschaft und Hobby des 36-Jährigen. Er hat Glück: „Meine Frau ist auch so Holsteinzucht-verrückt“. 

Klare Routinen im Bullenstall 

An der Besamungsstation in Borken sind insgesamt fünf Personen für den reinen Stallbereich zuständig. Zusammen mit Stationsleiter und Tierarzt Dr. Ulrich Janowitz kümmern sich vier Bullenpfleger um das Wohl der Bullen, die Spermaproduktion, die Pflege der Station und die Außenwirtschaft.  

Ein Teil des Teams in Borken (v.l.): Stationsleitung Dr. Ulrich Janowitz und die Bullenpfleger Hermann Boldrick, Bernd Kloster und Christian Hoven.  Bild: Hilbk-Kortenbruck

Unter der Woche beginnt der Arbeitstag in der Regel um 6.00 Uhr morgens und endet gegen 14.30 Uhr. An bestimmten Tagen muss gesextes Sperma produziert werden. Für das Team bedeutet das, eine Stunde früher anzufangen. Denn die frischen Spermaportionen müssen zum Sexing spätestens um 8.00 Uhr im Labor in Cloppenburg angekommen sein. Am Wochenende hat immer nur eine Person Dienst, da dann lediglich gefüttert wird. Jeder Tag endet mit einem letzten Anschieben des Futters für die Nacht. 

  1. Boxen säubern: Die Bullen werden im Strohbereich abgetrennt, damit der Laufbereich abgeschoben werden kann. Der Strohbereich wird dreimal in der Woche frisch eingestreut. 
  2. Samenentnahme: Alle Bullen, die zum Absamen anstehen, werden im Fressgitter fixiert. Zwei Mitarbeiter holen die Bullen nacheinander in die Deckhalle. Eine Person ist in der Deckhalle für die direkte Samenentnahme und Weitergabe in das Labor zuständig. 
  3. Füttern – um spätestens 11.00 Uhr sind alle Bullen gefüttert. 
  4. Nach Bedarf: Klauenpflege im Kippstand; Waschen/Solarium/Bullwalk 

Radio, Solarium und Auslauf für die Bullen

Bullen-Komfort: Die Bullen sind sehr wertvoll für das Zuchtunternehmen, sie genießen deshalb einen großen Komfort. Maximales Tierwohl ist sowohl für die Wirkung nach außen als auch für die Spermaproduktion wichtig, denn die Haltung und Fütterung beeinflussen die Fitness der Bullen und insbesondere die Spermaqualität. Zudem ist es wichtig, den Tieren negative Erfahrungen möglichst vorzuenthalten. Der Gang in die Deckhalle muss für die Bullen ein positives Erlebnis sein. Um Jungbullen schonend an die spätere „Tätigkeit“ zu gewöhnen, üben manche Bullen das Aufspringen zuerst im Sand. Eine extra Portion Wellness bietet zudem ein Solarium. Das wird beispielsweise zum Trocknen der Bullen nach dem Waschen oder für deren Entspannung genutzt. Nach der morgendlichen Routine herrscht absolute Ruhe im Stall. Um die Bullen von Fremdgeräuschen abzulenken, läuft dauerhaft ein Radio im Stall. „Durch die zunehmende Anzahl an Jungbullen sind wir von WDR4 auf 1Live umgestiegen“, amüsiert sich Bernd Kloster. 

Jungbullen wie Solitair P werden schonend an die Spermaproduktion gewöhnt.  Bild: Hilbk-Kortenbruck 

Fütterung: Besamungsbullen dürfen nicht zu schwer werden, denn sonst leidet ihre Mobilität und die Spermaqualität. Deshalb werden sie nur auf Erhaltungsbedarf, d.h. sehr rationiert, gefüttert. Die vorgelegte Futterration besteht aus Stroh und Grassilage. Jungbullen erhalten zudem noch etwas Maissilage. Kraft- und Mineralfutter wird separat gefüttert. Die zwei Mischrationen (Jungbullen und ältere Bullen) beruhen auf exakten Rationsberechnungen inklusive Grobfutteranalysen und werden über ein Futtermischgerät zubereitet. Über dieses Gerät kann vor jeder Box die passende Menge ausgefüttert werden. Diese zugeteilte Menge variiert je nach Alter und Kondition der Bullen. „Das Auge füttert mit“, beschreibt Bernd Kloster die individuelle Fütterung. Von großer Bedeutung ist die Qualität des Grundfutters. Gelangt verdorbenes Futter in den Bullentrog, bekommt man die Quittung acht Wochen in mangelhafter Spermaqualität zu spüren. Deswegen hat die Grobfutterqualität beim Futterbau und Futterzukauf einen sehr hohen Stellenwert. 

Haltung: Jeder Bulle hat seine eigene Box von mindestens 18 Quadratmetern Grundfläche, aufgeteilt in einen , befestigten Laufgang und einen Strohbereich. Zur Seite und nach vorne haben die Bullen Blickkontakt zu ihren Stallgefährten. Die älteren Bullen haben zudem freien Zugang zu großen Sand-Paddocks. Sehen Sie im folgenden Video, welche Freude Auslauf und Sonne auslösen. 

Nie den Respekt verlieren

Auch wenn man durch den täglichen Umgang mit den Bullen man an Routine gewinnt , ist es enorm wichtig, niemals den Respekt gegenüber den Bullen zu verlieren“, weiß Bernd Kloster. Denn es gibt auch Tage, an denen ein Bulle mal nicht gut drauf ist. Das merkt man an seinem Verhalten, wenn er zum Beispiel auffällig brüllt, im Mist wühlt oder sich nicht fixieren lässt. An diesen Tagen ist besondere Vorsicht gefragt. Wird ein Bulle wirklich bösartig, sodass ein sicherer Umgang nicht mehr gewährleistet werden kann, muss er die Station verlassen. Das ist aber nur selten der Fall. Abgesehen von einem unglücklichen Arbeitsunfall eines Kollegen bei der Klauenpflege, hat Bernd Kloster bisher noch keine negativen Erfahrungen gemacht. 

Jeder Pfleger hat seine Lieblingsbullen, Bernd Kloster hat den 15-jährige Tableau besonders ins Herz geschlossen. Tableau genießt mittlerweile seinen Ruhestand, war aber lange Zeit ein prägender Spitzenvererber der RUW . In der schnelllebigen Zeit der genomischen Zuchtwertschätzung werden die Bullen viel schneller abgelöst. Selbst Top-Vererber spielen nicht mehr über viele Jahre eine tragende Rolle. Trotzdem bieten auch die genomischen Jungbullen hohe Sicherheiten in ihren Zuchtwerten und gewinnen zunehmend an Bedeutung in der Holsteinzucht. Seit dem letzten Jahr ist besonders der genetisch hornlose Jungbulle Hotspot P eine echte Berühmtheit. Auch er ist in Borken aufgestallt und wird von Bernd Kloster und dem restlichen Team betreut. 

Fotoshootings sorgen für Abwechslung 

Bernd Kloster ist auch für Absprachen mit der Zucht-, Marketing- und Logistikabteilung der RUW zuständig. Beispielsweise richtet sich die Samenentnahme nach der aktuellen Nachfrage. Ist ein Bulle stark nachgefragt oder gab es einen Großauftrag aus dem Ausland, muss dieser entsprechend häufiger abgesamt werden. Kommen neue Jungbullen nach Borken, die vielversprechend und beworben sind, muss ein ausreichender Vorrat an Spermaportionen produziert werden. Für die direkte Umsetzung dieser Aufträge aus den zuständigen Abteilungen ist Bernd Kloster verantwortlich. 

Dazu kommen Events, für die die Bullen besonders vorbereitet werden müssen. Das sind zum Beispiel Besuchergruppen oder Fotoshootings. Für diese Anlässe wird ein ausgewählter Teil der Bullen gewaschen und ggf. geschoren, um sie bestmöglich zu präsentieren. Der Fotograf kommt rund zehn Mal im Jahr und fotografiert Bullen für den Bullenkatalog oder sonstige Marketing-Aktionen. Diese koordinativen Aufgaben übernimmt Bernd Kloster gerne, da er sich ohnehin über Aktuelles in der Holsteinzucht informiert. So fiebert er dann auch immer mit seinen Bullen mit. 

Ausblick: Für die Zukunft plant Bernd Kloster eine Umstrukturierung des eigenen Familienbetriebes, um weiterhin selbst aktiv züchterisch tätig sein zu und gleichzeitig seine Aufgaben in der Bullenstation erfüllen zu können. Er ist gespannt auf mögliche neue Aufgaben im Bereich einer digitalen Bullenpräsentation, die er gerne übernehmen möchte. „Ich wünsche mir weiterhin dieses geschenkte Vertrauen in meinem Arbeitsbereich, welches uns viel freie Handhabung in der Arbeit gibt“. 

Bullwalk: Promis hinter der Glasscheibe

Die Bullenstation der RUW in Borken wurde im Juni 2018 offiziell eingeweiht. Neben den hochmodernen Stall- und Laborbereichen ist vor allem der sogenannte „Bullwalk“ einmalig. Hinter großen Glasscheiben können Besuchergruppen die Bullen hautnah in einem entsprechend ausgerichteten Vorführring erleben. Aus Biosicherheitsgründen hat nur das Personal direkten Zugang in den Bullenstall. Mitarbeiter wie Bernd Kloster, die auf dem eigenen landwirtschaftlichen Betrieb Nutztiere halten, müssen täglich eine Hygieneschleuse passieren und zudem einen seuchen-freien Status ihres eigenen Viehbestands sicherstellen. 

Katrin Hilbk-Kortenbruck