Reportage

Radikal Low-Cost

Bartele Holtrop, besser bekannt als „Bauer Bart“, wollte nicht mehr mitmachen beim Höher-Schneller-Weiter. Weil er aber trotzdem gerne Milchbauer ist, hat er sich für niedrige Kosten und gekonnte Direktvermarktung entschieden.

Der Trecker fährt an, der lange Anhänger ruckt leicht und setzt sich dann in Bewegung. Zwei Kinder kreischen freudig und krallen sich in den großen Strohpacken fest, auf denen sie sitzen. Auch die Erwachsenen grinsen. Langsam tuckert der Zug von der Landstraße weg über die Weiden, bis nach etwa fünf Minuten „Abenteuerfahrt“ eine Gruppe Jersey-Kühe in Sicht kommt, die vor einem Weidemelkstand warten. Dort hält der Trecker an und Bartele Holtrop, besser bekannt als „Boer (Bauer) Bart“ beginnt seine Show. 

Mit dem Trecker geht es auf die Wiesen für die Jerseykühe. Bartele Holtrop, hier hinter dem Mann mit der Sonnenbrille, fährt mit. 

Und reden kann er: Fesselnd berichtet er von dem Prozess, der ihn vom konventionellen Milchbauer zum Weidemelker gemacht hat. 

2014 stand für Bartele und seine Frau Rianne die Entscheidung an, wie es mit dem Betrieb der Eltern weitergehen sollte: ein konventioneller Milchkuhbetrieb mit Grünland für die Silierung, aber ohne Weidegang. Bartele dachte darüber nach, warum er Milcherzeuger war. „Kühe produzieren aus Gras ein hochwertiges Lebensmittel – Menschen alleine können das nicht! Das finde ich klasse. Dazu kam, dass ich gerne Bauer bin: draußen, in der Natur, die Arbeit mit den Tieren“, berichtet Bartele. Zudem wollte er ein System, das auch in 1.000 Jahren an dem Ort noch existieren kann. Doch das passte letztlich nicht wirklich zur bestehenden Situation. „Den Trecker achtmal anzuschmeißen, um das Gras zu den Kühen zu bringen, statt diese Zeit mit der Familie zu verbringen, ist irgendwie vertane Zeit. Das muss anders gehen.“

So dachte er nach, reiste, informierte sich – und blieb letztlich bei einem Weide-Low-Cost-Produktionssystem nach irischem und neuseeländischem Vorbild hängen. Er nennt es „vorwärts zum Ursprung“. Heute hält er 96 Jersey-Kühe von Februar bis Oktober auf der Weide und produziert Milch nach Demeter-Richtlinien. Dogmatischer Anhänger des Bio-Anbauverbands ist er allerdings nicht: „Ich bin überzeugt, dass Gras-basierte Milcherzeugung in den nächsten 15 Jahren wichtiger wird. Sich existierenden Gruppierungen anzuschließen, erspart mir dabei das Klinkenputzen und Kontaktepflegen, um die Milch zu vermarkten.“

Im Weidemelkstand melken

Um die Kühe mit einem weidebasierten Produktionssystem zu versorgen, hat Bartele Holtrop die verfügbaren 44 ha Weidefläche in Paddocks aufgeteilt, die jeweils maximal 12 Stunden lang von der gesamten Herde beweidet werden. Spätestens alle 30 Tage wird jeder Paddock wiederholt beweidet. Während der Wintermonate kauft Holtrop Futter zu und produziert Silage von einigen Naturschutzflächen. Dann stehen die Kühe im Stall auf Stroh, welches im Frühjahr als Dünger für die Flächen dient.

Spannend findet er, wie sich neben den Kühen auch der Boden langsam mit dem Produktionssystem umstellt. Um die Kühe ausreichend mit Mineralstoffen zu versorgen, benötigt er 45 verschiedene Pflanzen. Weil er Grünland nicht mehr „von Hand“ erneuert, setzen sich nach und nach die Pflanzenarten durch, die er für die Beweidung braucht. „Graszusammensetzung und Klee sind wichtiger für den Ertrag als Dünger“, ist Bartele überzeugt von seinem Konzept eines tragfähigen, gesunden Bodens. 

Gemolken werden die Kühe zweimal täglich in einem mobilen Weidemelkstand, um keine Energie für den Weg nach Hause zu verpulvern. Als „Kraftfutter“ erhalten die Tiere 250 g Sonnenblumensamen zu jeder Melkung. „Mit 24 Cent/kg ein günstiges Futter. Bio-Kraftfutter kostet sonst um die 40 ct/kg!“, freut sich Bartele.

Um die saisonale Abkalbung sicherzustellen, läuft ein Deckbulle in der Herde mit. Am liebsten hätte er alte friesische Kühe für den Neuaufbau seiner Herde genutzt, die ideal an die Region angepasst waren. Doch diese Kühe waren nicht mehr zu bekommen. Daher nahm er mit Jerseys vorlieb, mit 400 kg Körpergewicht „ideale Weidekühe“. Auch 35 Stück Jungvieh zieht er auf. Weil Bullen teuer sind, behält Bartele Holtrop jedes Jahr die Bullenkälber seiner 25 besten Kühe. Das Tier, das sich während der Aufzucht am besten zeigt, wird der nächste Deckbulle für die Herde. Die übrigen Tiere nimmt ein türkischer Schlachter ab. „Das ist Inzucht, ja. Aber ich will meine Kühe optimal an den Standort anpassen“, erwidert Bartele. 

4.200 kg Milch im Jahr erreichen die Kühe pro Jahr. Mit seinem Konzept kann „Bauer Bart“ die Milch zu 32 Cent/l Milch produzieren. 2017 konnte er im Schnitt 0,59 Cent/l Milch erlösen. „Natürlich bin ich besorgt über den ‚Bio-Hype‘ und die steigenden Milchmengen. Deswegen ist mein nächster Schritt, die Milch direkt an die Konsumenten zu vermarkten.“ In Zusammenarbeit mit der Molkerei Bastiaansen produziert er Käse und Joghurt (und verkauft zusätzlich Eier aus einem ebenfalls mobilen Hühnerstall). Die Produkte vermarktet er unter der Hofmarke „Boer Bart“ („Tjongerkaas“) direkt sowie über Supermärkte. „So versuchen wir, uns vom Markt unabhängig zu machen“, sagt Bartele. Er sei kein Freund von Subventionen, weil diese den wahren Preis eines Produkts verschleierten. 

Für die Produkte einstehen

Nachdem die Besuchergruppe auch den Hühnern noch einen Besuch abgestattet hat („Ich verkaufe ’nur‘ 400 Eier pro Tag. Doch zum einen fressen die Hühner die Insekten von den Hinterlassenschaften der Kühe und passen gut ins System. Zum anderen habe ich an ihnen gelernt, wie man eine Marke aufbaut!“), bringt der Trecker sie zurück zu der kleine Hütte, die als Treffpunkt und Hofladen dient. Hier gibt es noch ein wenig Joghurt und Käse. Während die Gäste probieren, weist Bartele Holtrup nochmals auf seine Webseite und den Blog hin, auf dem er regelmäßig über seinen Alltag und seine Gedanken berichtet. So ist er auch digital ganz nah dran an seinen Kunden. „Meine eigenen Produkte kann ich über meine Authentizität und meine Geschichte an die Leute bringen“, schließt Bartele mit festem Stand. „Ein weiterer Schritt in Richtung meiner Vision: ein System, dass noch in 1.000 Jahren aus sich selbst heraus funktioniert – und das mir 100.000 Euro Jahreseinkommen von 44 ha Land ermöglicht!“

 

Mehr Infos unter: www.boerbart.nl

Christine Stöcker

cs@elite-magazin.de